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Rabelais. So bewahrten die Franzoſen, als ſich die große europäiſche Einheit des Mittelalters trennte und die Nationalitäten ſich individuell zu geſtalten und abzugränzen anfingen, dieſen nationalen Grundzug, welcher in den manchfaltigſten Strahlen und Schattirungen vom Niedrig⸗komiſchen bis zur höchſten Feinheit der Satire, vom fröhlichen Lachen der gutmüthigen Laune bis zum vernichtenden Ernſte des ſchneidendſten Spottes, bald im freien Spiele der Dichtung waltet, bald ins politiſche und ſociale Leben eingreifend die mächtigſte Wirkung hervorbringt. Wie bei den Griechen Homers Dichtung am Eingange des poetiſchen Lebens dieſes Volkes zugleich Keim und Vorbild aller übrigen Dichtungsarten in ſich ſchließt, ſo erſtand bei den Franzoſen ein Mann, der alle jene Eigenthümlichkeiten des franzöſi⸗ ſchen Geiſtes in reichſter Fülle vereinigte und Schöpfungen hervorbrachte, die einzig daſtehen in der Literatur aller Völker, ich meine Rabelais. Wie ein Meteor ſtrahlend und erleuchtend, gewappnet mit dem ganzen Rüſtzeug des klaren, geſunden Menſchenverſtandes, erhob dieſer merkwürdige Geiſt ſich an der Grenzſcheide des Mittelalters und der modernen Welt, feſtgewurzelt in dieſer, mit genialen Geiſtesblitzen in die Zukunft vorausgreifend und zugleich alles Morſche, Trümmerhafte, Baufällige des abgelaufenen Zeitalters mit dem hellen Sonnenlichte eines überlegenen Genie's beſcheinend. Er iſt in dieſer Beziehung ein merkwürdiger Gegenſatz zu Arioſto, welcher die ganze Pracht des erlöſchenden Mittelalters nochmals in einem zauberhaften Bilde zuſammenfaßte. Das Gewaltige jenes faſt dämoniſchen Spötters kann man erſt begreifen, wenn man ſich die vielen und diſparaten Eigenthümlichkeiten vergegen⸗ wärtigt, welche in der Tiefe ſeines Geiſtes vereinigt ſind. Eine Kühnheit der Sprachſchöpfung, von welcher in der glatten, abgemeſſenen, regelrechten Sprache der neueren Franzoſen auch nicht mehr eine Spur zu erkennen iſt; die burleskeſten, tollſten Sprünge des Groteskkomiſchen neben der tiefſten, genial⸗ ſten Weltanſchauung, eine ungezügelte, alle Regionen des Niederen und Hohen durchſtreifende Phantaſie neben einer umfaſſenden, in allen Gebieten des Wiſſens einheimiſchen Gelehrſamkeit; ein lachender Hu⸗ mor, der über alle ernſten Fragen des Lebens heiter hinwegzuſpringen ſcheint, neben den ſchneidendſten Angriffen und dem vernichtenden Spott gegen die Mißbräuche und Thorheiten ſeiner Zeit. In Bezug auf die Univerſalität ſeines Genie's und die naturwüchſige Kraft ſeiner Poeſie läßt Rabelais ſich nur mit dem größten Dichter der Neuzeit vergleichen; er iſt der franzöſiſche Shakſpere im Komiſchen.
Zwei Grundzüge des franzöſiſchen Geiſtes. Rabelais iſt zugleich der geiſtige Vater und der Arche⸗ typus alles deſſen, was ſeit ihm aus dieſer Ader hervorſtrömte; von ihm hat die franzöſiſche Literatur den erſten Anſtoß nach der ihr eigenthümlichen Richtung erhalten, welche allein originelle, und dem Leben und der Nation entwachſene Werke hervorbrachte. Rabelais Geiſt durchwehte die Verfaſſer der Pamphlete und der ſogenannten Satire Ménippée, welche mehr als Waffengewalt durch die Macht ihres Spottes und das Hohngelächter, das ſie hervorriefen, die Liga zerſprengten, die Spanier vertrieben und Heinrich IV. den Weg zum Throne bahnten. Dieſer Geiſt erwachte in klaſſiſcher Form und be⸗ wegte ſich in den ſtrengen Formen des Hofes Ludwig's XIV., ohne etwas von ſeiner Naturkraft einzu⸗ büßen, als Molidre in ſeinen Komödien die vornehmen Laſter und Verkehrtheiten, die Heuchelei und Eitelkeiten ſeiner Zeit mit ebenſo viel Feinheit und Schärfe der Beobachtung als Kühnheit des Witzes geißelte. In edler, faſt antiker Ruhe durchſchimmert er die berühmten Briefe Pasca ls, die an Feinheit des Spottes und Claſſicität vielleicht nur noch mit den Streitſchriften unſeres Leſſing verglichen werden können. Dann perſonificirt er ſich im 18. Jahrhundert in Voltaire, indem er alle Schriften dieſes Fürſten der Spötter wie ein brennendes und vernichtendes, wenn auch nicht erleuchtendes Feuer durch⸗


