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habe ¹). Hierin aber iſt er nur ein Kind ſeiner Zeit, und die zahlreichen, dickleibigen allegoriſchen Romane jener Epoche beweiſen, auf welche Abwege die Poeſie gerathen war und daß ſie neuer Inſpi⸗ rationen bedurfte, wenn ſie aus dieſem verdorrenden, ſeelenloſen Weſen ſich befreien wollte. Dieſe Be⸗ freiung fand ſie in dem Gegenſatz der ritterlichen Romantik, in dem Geiſte der Satire und dem geſunden Menſchenverſtande des Bürgerthums, welches durch ſeine Lachluſt ſich für Vieles entſchädigte, was die höheren Stände vor ihm voraushatten oder ihm auferlegten.
Satiriſche Dichtung. Dieſer Zug der fröhlichen heiteren Satire, dieſes lachluſtige, beißende, be⸗ obachtende Element, dieſer verſtändige, klare Sinn, der ſich durch kein Pathos und keinen Nennwerth verblüffen läßt, iſt etwas dem Geiſte der Franzoſen ſo Weſentliches und Angeborenes, daß es von ihnen als verve gauloise in ſeiner Urſprünglichkeit bezeichnet wird. Schon im Mittelalter hüpft neben den feierlich⸗rauſchenden Heldentönen und den zarten, melodiſchen, leidenſchaftlichen Minneliedern eine kleine, kecke Dichtungsart— die Fabliaux—, welche alte und neue Geſchichtchen und Anekdoten erzählten und unterwegs Hiebe und Schläge austheilten, die bald verſteckt, bald offen trafen, bald auf die Schwächen und Laſter der Mächtigen anſpielten, bald die Ueberlegenheit eines ſchlauen Vilain über einen Gewalti⸗ gen berichteten und dafür mit ſchallendem Gelächter belohnt wurden. Wie man ſpäter ſagte, daß der Deſpotismus in Frankreich durch die Chanſons gemildert werde, ſo waren die Fabliaux im Mittelalter das Gegengewicht gegen die Ariſtokratie. Dazu kommt nun noch die berühmte Thierfabel du Renard, welche in Frankreich in zahlloſen Bearbeitungen hervortritt und ſo gleichſam die Bildungen und Me⸗ tamorphoſen eines Heldengedichtes durchläuft. Der Fuchs iſt der Held des damals ſo ſcheuen und be⸗ drückten Bürgerthums, er wandelt durch alle die Masken und vielgeſtaltigen Zuſtänden des Mittelalters hindurch, welche er alle durch die überlegene Macht ſeiner Schlauheit zu ſeinem Vortheile ausbeutet; dabei hat die Schalkheit der Dichter in den übrigen Thiergeſtalten eine Menge von feinen und treffen⸗ den Anſpielungen unterzubringen verſtanden. Dieſer Zug der heiteren Satire, der fröhlichen Lachluſt, die mit der Feinheit der Beobachtung gepaart, das Bewußſein einer mächtigen Waffe in ſich trägt, iſt durch alle Zeiten ein unveräußerliches Erbtheil der Franzoſen geweſen, eine in friſcher Unmittelbarkeit dahinſtrömende Quelle, welche weder unter dem Drucke politiſcher Verhältniſſe, noch unter dem abge⸗ meſſenen, pedantiſchen Joche falſcher Claſſicität jemals verſiegte. Sie iſt die Seele wenn nicht der ſchönſten, ſo doch der ächteſten, originellſten und nationalſten Erzeugniſſe der franzöſiſchen Muſe; ſie durchweht die volksthümlichen Luſtſpiele, die farces und soties, unter denen namentlich das Luſtſpiel: „l'avocat Pathelin,“ ein unnachahmliches Meiſterwerk der ächten ariſtophaniſchen Komik, unmittelbar aus dem Geiſte des Volkes hervorgegangen iſt; ſie erſcheint in den ewig heiteren, ſpottenden, witzigen Dichtungen eines Villon, der ſein Leben zwiſchen Elend, Hunger, Gefängniß und Galgen verbrachte. In derſelben Zeit, in welcher das ariſtokratiſche Mittelalter in ſeinem letzten glänzenden Repräſentanten, dem ſtolzen Herzog von Burgund, durch den liſtigen, nüchternen, in bürgerlicher Kargheit und Geſinnung einherſchreitenden Ludwig XI. untergraben und beſiegt wurde, trat auch in der Poeſie das behäbige, fröhliche Bürgerthum hervor und maß die ſtolz auf es herniederblickenden Größen mit der Kaufmanns⸗ elle des geſunden Menſchenverſtandes und ſchwang luſtig die Pritſche um eitle, hohle, der Zeitentwicklung widerſtrebende Köpfe.
1) Und doch war dieſer Dichter einer der liebenswürdigſten und begabteſten, der, wo er den freien Eingebungen ſeines Talentes folgt, die anmuthigſten Töne hervorbringt, z. B. in dem bekannten Rondeau: Les fourriers d'été sont venus etc.


