Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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Die Poeſie im Mittelalter. Gehen wir zurück auf das Mittelalter, ſo finden wir die Franzoſen an der Spitze der ritterlichen und religiöſen Bewegung, welche jene Zeit erfüllte, und ſehen zugleich die ganze Pracht der romantiſchen Poeſie auf dieſem Boden zu herrlichſter Entfaltung gelangen. Während im Süden, in den ſonnigen Thälern der Provence an den herrlichen Küſtenſtrichen des Mittelmeeres die fröhliche Wiſſenſchaft(le gai scavoir) durch die feurigen und ritterlichen Troubadours gepflegt, Lieder der Freude und des Leides, tiefe, ſeelenvolle Töne der Leidenſchaft und des Naturgefühles hervor⸗ zauberte, während dort die Berührung mit den Spaniern und durch dieſe mit den phantaſievollen und wunderreichen Morgenländern, die feinere Bildung, die Fruchtbarkeit und der Wohlſtand des Landes einen Cultus des Schönen und der Peeſie hervorriefen, der ſich in den heiteren Liederſpielen und ⸗kämpfen, in den Minnegerichten(cours d'amour) und Turnieren offenbarte; erwuchſen im Norden die zahlloſen Heldengedichte und Romane, welche von dort aus die ganze mittelalterliche Welt überſtrömten und er⸗ oberten. Alles was das Mittelalter Großes und Begeiſterndes hatte, heroiſche Größe und makelloſe Ehre, chriſtliche Entſagung und Demuth und abenteuerliche Kühnheit, die Sagen von Karl dem Großen und ſeinen Paladinen, vom König Artus und ſeiner Tafelrunde, vom h. Gral, vom Heldenkönig Alexander und ſeinen Großthaten, wie von den Wundern und Märchen des Morgenlandes, Alles dieſes ſtrömte in der franzöſiſchen Poeſie zuſammen, ward von den Trouvdͤres, Jongleurs und Meneſtriers in manchfaltiger Bearbeitung geſungen und gelangte ſo als Stoff zur Ueberſetzung, Nachahmung und Anregung zu den übrigen Völkern. Daneben finden wir analog mit der Entwicklung der griechi⸗ ſchen Geſchichtſchreibung aus den Logographen die aus dem traumhaften und wunderreichen Leben des Mittelalters ſich losringende Proſa, welche in den Chroniken eines Villehardouin, Joinville, Froiſ⸗ ſart ſo unvergleichliche Denkmäler der liebenswürdigſten Naivetät und Einfachheit des Ausdrucks neben dem wunderbaren, überwältigenden Reichthum der Ereigniſſe und Schilderungen geſchaffen hat. Dieſe einzig daſtehenden Denkmäler des Mittelalters haben auf die neuere Romantik, namentlich auf Walter Scott mächtig eingewirkt; ſowie uns die einfachen und naiven Schönheiten der Dichter jener Zeit durch die ſchönſten Balladen unſeres Uhland verjüngt und erneuert worden ſind..

Der Verfall des Ritterthums bezeichnet auch die Epoche des Verfalls jener romantiſchen Poeſie. Die langen Kriege mit den Engländern, das nationale Unglück, das Abwenden der Dichtung von dem wirklichen Leben, die Sucht in geiſtreichen und allegoriſchen Wendungen ſich auszudrücken, ſind die wichtigſten Urſachen dieſes Verfalls. Einer der letzten dieſer ritterlichen Dichter iſt Karl von Or⸗ léans, welcher in der Schlacht von Azincourt in die engliſche Gefangenſchaft gerieth und lange Jahre darin ſchmachtete. Bezeichnend genug iſt es, daß in allen ſeinen Gedichten nur ein geiſtreiches Spiel allegoriſcher Perſonen vorherrſcht; er betrachtete alſo die Poeſie nicht als das Ausſtrömen der Empfin⸗ dungen des Herzens, nicht als den einfachen und ergreifenden Wiederhall der Seelentöne, ſondern als eine kunſtvolle Verbindung und Verſchlingung ungewöhnlicher Gedanken. Nicht das Unglück ſeines Vaterlandes, nicht die Trennung von ſeiner geliebten Gattin, nicht ſeine lange Gefangenſchaft, nicht die wunderbare Erſcheinung jenes Heldenmädchens, das die Geſchicke Frankreichs wandte, nicht die Freude ſeiner Befreiung, das Entzücken beim Wiederſehen ſeines heimathlichen Landes waren im Stande den Saiten ſeiner Leier ein Lied zu entlocken; wohl tönte dieſe Poeſie in ſeinem Herzen, aber die Dicht⸗ kunſt übte er, indem er uns mittheilt, daß er mit Faux⸗Danger Schach geſpielt hat in Gegenwart des Amour und daß Fortune ſich auf die Seite ſeines Gegners geſtellt und ihm ſeine Dame geraubt

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