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einer Weiſe ſich zu eigen gemacht, wie es keine andere Poeſie von ſich rühmen kann. Die dichteriſche Darſtellung der Franzoſen iſt in der Gegenwart daheim, ſie hat mit ihrer eigenen Vergangenheit ge⸗ brochen, ſie ſtellt das Ferne und Fremde ohne die eigenthümlichen Localfarben in ſeelenloſer Allgemein⸗ heit, mit dem täuſchenden Pathos der Leidenſchaft und theatraliſchem Effekt dar. Während wir von dem großen Dichter Offenbarungen aus der innerſten Tiefe der Seele erwarten und die Begeiſterung als den eigentlichen, gemeinſamen Urquell großer und ewiger Schöpfungen anerkennen, waltet bei den Franzoſen das Bewußtſein einer beſtimmten, durch feſtſtehende Geſchmacksregeln begränzten Kunſtform, die den Aufflug auch des mächtigſten Genius hemmen muß und die gewaltigen Naturlaute, welche das Gepräge der größten und herrlichſten Dichterwerke ausmachen, nirgends frei hervorquellen läßt. Darum ſind auch Dichtungen, in welchen ſich— wie bei denen eines Homer, Dante, Shakſpere, Göthe— das nationale Bewußtſein zu ewigen und unvergänglichen Gedanken der Menſchheit geſteigert hat, auf dem Gebiete der franzöſiſchen Poeſie nicht anzutreffen.—
Doch liegt in allem dieſem noch keineswegs eine Berechtigung jenes ſchroffen Urtheils, welches einer hochbegabten Nation, die in allen anderen Richtungen Geiſter erſten Ranges aufzuweiſen hat, einen Sinn und eine Befähigung abſpricht, die wir gewohnt ſind als ſo weſentliche Eigenſchaften des Menſchen zu betrachten. Denn der poetiſche Trieb iſt etwas ſo tief in dem Inneren des Volksgeiſtes Wurzelndes, daß wir, auch wenn er nicht zu geſtaltender Thätigkeit gelangte, denſelben mit Allem was in der menſchlichen Bruſt Großes, Erhabenes und Heiliges wohnt, verwachſen glauben.„Faire une belle ode, ſagt Frau von Staël, c'est réver l'héroisme.“ Und wenn wir dann bei dieſem Volke, deſſen Geſchichte ſo viele Beiſpiele ächter Heldengröße und zwar keineswegs bloß auf dem Gebiete der Waffen⸗ thaten, aufzuweiſen hat, den großen Dichter vermiſſen, ſo entſteht von ſelbſt die Frage, ob wir nicht, ſtatt dieſes auf Rechnung des mangelnden poetiſchen Sinnes zu ſchreiben, eine hiſtoriſche Begründung und Erklärung dafür aufſuchen müſſen; es entſteht die Frage, ob nicht äußere Verhältniſſe, das Vor⸗ walten einer falſchen Geſchmacksrichtung, das eigenthümliche Hinneigen zu einer geſelligen Darſtellungs⸗ form, welche der Sprache ein proſaiſches Gepräge verlieh, die Kluft zwiſchen den literariſchen Kreiſen und dem eigentlichen Inhalt des Volkslebens und ähnliche Urſachen den Strom der Poeeſie zurückge⸗ dämmt und in einer Weiſe aufgehalten haben, daß er, ſtatt majeſtätiſch in ſeiner Freiheit dahinzufluthen, gezwungen ward, künſtliche Anlagen mit Fontänen und Cascaden zu zieren, indem er höchſtens in einzelnen in's Freie ſich verlierenden Armen dem natürlichen Laufe folgend, Himmel und Erde wieder⸗ ſpiegeln konnte. Von der Beantwortung dieſer Fragen hängt die richtige Beurtheilung des inneren poetiſchen Geiſtes dieſer Nation ab, und es iſt wahrlich jetzt, nachdem die Leidenſchaftlichkeit gegen die Geſchmacksdictatur derſelben längſt verraucht iſt, nachdem der deutſche Geiſt mit ſeinen dichteriſchen Schätzen eine ſo bedeutende Wirkung auf unſere Nachbarn auszuüben begonnen hat, eine Pflicht der Billigkeit und gerechten Schätzung, daß wir, ſtatt uns ablehnend zu verhalten, von einem höheren Standpunkte aus die geiſtige Strömung der Nation von den literariſchen Epochen und Leiſtungen unterſcheiden und andererſeits die Eigenthümlichkeiten ihrer Kunſtform, wenn dieſe auch unſerm Weſen widerſprechen, als etwas hiſtoriſch Gegebenes auffaſſen. Alsdann erſt können wir durch das Zuſammenfaſſen der vereinzelten Strahlen und Ausläufer des dichteriſchen Geiſtes uns ein Geſammt⸗ bild deſſen entwerfen, was bei anderen Nationen in einzelnen glänzenden dichteriſchen Geſtalten un⸗ mittelbar in die Erſcheinung getreten iſt.


