Ueber den
Entwicklungsgang der franzöſiſchen Poeſie
bis zum achtzehnten Jahrhunndert. Von Dr. f. Noiré.
Der Umſtand, daß zur Zeit der literariſchen Emancipation Deutſchlands die Feſſeln der falſchen Geſchmacksrichtung, der deutſchen Muſe hauptſächlich von den Franzoſen angelegt waren, daß durch die Kritik und das Beiſpiel unſerer großen Dichtergenien die bisher blind angeſtaunten Idole in ihren Schwächen und ihrer falſchen Groͤße enthüllt wurden, hat in jener Zeit ein allzuhartes Urtheil über die poetiſche Befähigung des franzöſiſchen Volkes im Allgemeinen hervorgerufen, welches bis auf den heutigen Tag faſt von jedem Aeſthetiker und Literarhiſtoriker wiederholt worden iſt. Man begnügte ſich oft damit, den Franzoſen ſchlechthin jeglichen Sinn fur wahre Poeſie abzuſprechen und„an dem Beiſpiele dieſer großen Nation zu zeigen, wie man ohne Poeſie ſein und leben könne ¹).“
Zwar iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß es nicht leicht einen ſchneidenderen Gegenſatz gibt in dem ganzen Gebiete der Geiſtescultur, als den zwiſchen der Poeſie und dem dichteriſchen Gefühl der deutſchen Nation und jener angenommenen Darſtellungsform, welche eine Zeitlang bei den Franzoſen dieſe Stelle eingenommen hat und zum Theil noch einnimmt. Bei uns iſt ein tiefes Ahnen der Phan⸗ taſie, welche das geheimnißvolle Dunkel des Menſchenlebens durchleuchtet, ein Gefühl, welches nach allen Seiten dem Unendlichen zuſtrebt, eine Geſtaltungskraft, die, indem ſie das Einzelne zur lebens⸗ vollen Erſcheinung bringt, eben ſo viele Formen und Typen des Allgemeinen darſtellt. Bei den Fran⸗ zoſen iſt es dagegen nur zu oft ein nach allen Rückſichten der geſellſchaftlichen Convenienz abgemeſſener Ausdruck in der Darſtellung der Leidenſchaft, was als die vollkommenſte Poeſie bewundert wird und was auf uns höͤchſtens den Eindruck einer guten Proſa macht. Die deutſche Poeſie wurzelt in der Vergangenheit, in der Sage, wo die Wellen der Phantaſie noch friſch aus der Quelle ſtrömen; ſie hat ſich durch ihren Anſchluß an das Volksthümliche, namentlich in dem Lyriſchen, ihre eigene Urſprüng⸗ lichkeit und Friſche bewahrt, und zugleich durch ihre Empfänglichkeit die Schätze der anderen Völker in
1) Fr. Schlegel, Geſpräch über die Poeſie.


