Aufsatz 
Über einige Lehren der Nikomachischen Ethik und ihre Beziehung zur Politik / von Munier
Entstehung
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selbst, wie in jedem Theilganzen der Begriff des- wesentlichsten Bestandtheils der des Ganzen ist 66). Ungereimt wäre es daher, wenn der Mensch nicht sein Leben, sondern das eines andern wählen wollte. Zudem ist, was einem jeden von Natur eigenthümlich, auch das Beste und Lustvollste für ihn, also für den Menschen das Leben nach dem Geiste; mithin ist dieses auch das glückseligste.

Mas nun den Staat betrifft, so ist die Eudämonie desselben offenbar von der des Individuums eben so- wenig verschieden, als die beiderseitige Tugend eine verschiedene ist 67); und wie die Thätigkeit des Ein- zelnen nicht nothwendig eine äussere zu sein braucht, so kann auch der Staat nach aussen hin abgeschlossen sein und seine Wirksamkeit vorwiegend auf das Innere concentriren 6s). Kein denkender Gesetzgeber wird daher dem Beispiel der Lacedämonier und anderer Völker folgen, bei denen die ganze Verfassung auf Herrschaft und Waffenthum berechnet ist 65). Denn Krieg und Knechtung derer, die nicht von Natur zu diesem Loose bestimmt sind, machen das beste Leben nicht aus. Allerdings darf es im Staate auch an Vorsorge für das Kriegswesen, wie überhaupt für die nöthigen Bedürfnisse nicht fehlen; aber alles dies ist doch nur Mittel zum Zwecke ²⁰), da, wie schon bemerkt, der Krieg des Friedens, die Arbeit der Ruhe, das Nothwendige und Nützliche des Schönen wegen ist 11). Wenn daher der Bürger auch beides verstehen muss, so gilt dies doch in höherem Grade vom Zweck und dem Schönen. Tapferkeit also und Ausdauer sind vonnöthen für das geschäftige Leben, Philosophie für die Musse, Mässigung und Gerechtigkeit für beide Zustände, und zwar vorzugsweise für die, welche in Frieden und Musse leben. Denn der Krieg zwingt schon von selbst gerecht und mässig zu sein, während der Genuss des Wohlstandes und die Ruhe des Friedens leicht iibermüthig macht. Je grösser daher die Fülle der Güter, desto mehr Philosophie und Gerechtigkeit und Mässigung ist erforderlich. Denn wenn es schon schimpflich ist, die Güter, welehe man besitzt, nicht gebrauchen zu können, so ist es noch weit schimpflicher, sie zur Zeit der Musse nicht gebrauchen zu können, sondern in Krieg und Unruhe tüchtig, in Frieden und Ruhe dagegen wie ein Sklave sich zu zeigen ⁷²).

So besteht also nach A. Lehre die Glückseligkeit in dem auf die Dauer ermöglichten freien Spiele der edelsten menschlichen Kräfte, und die höchste Stufe derselben in der Bethätigung der Kraft des reinen Geistes, welche ihrer Natur nach die vorzüglichste und der Zweck von allen übrigen ist. Das contemplative Leben des Weisen ist ein Abglanz des seligen Daseins der Gottheit, und nur weil er seine sinnliche Natur nicht abzustreifen vermag und an das Zusammenleben mit andern gebunden ist, seiner menschlichen Seite nach wendet der Philosoph auch dem tugendhaften Handeln sich zu; zu diesem menschlichen Leben aber(ςσ τ αμeυιοοσασςαεεεεα) bedarf er der äusseren Güter ³). Man muss gestehen, dass nie von irgend jemand, selbst Plato und Spinoza nicht ausgenommen, die Wonne des Denkens tiefer empfunden und begeisterter gepriesen worden ist, als von Aristoteles.

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III. 11. Die ethische Tugend.

Allgemeines., Der höchste Zweck des Lebens, die Glückseligkeit, wird durch die Tugend erreicht. Es entsteht daher jetzt die Frage: was ist die Tugend, und wie erlangen wir sie? Wir

66) E Nic. IX, 8, 6. 67) Pol. VII, t u. 2. 68) Ib. c. 3. 1325, b, 23. 69) Ib. c. 2. 1324, b, 3.. 70) Ib. 1325, a, 5. 71) Ib. c. 14. 1333, a, 33. 72) lb. G. 15. 73) E. Nic. X, 8, 6.