Der die Lehrer stets bewegenden Sorge um das Wohl der Jugend ist auch die in bifterer Not- zeit 1920 erfolgte Gründung des Landheims zu verdanken, die für immer in der Geschichte der Schule eine rühmenswerte Tat bleibt. Die Verdienste Geheimrat Walters und seiner zahl- reichen Mitheller werden in keiner Weise dadurch geschmälert, daß sein Nachfolger inzwischen ganz andere Wege geht. Doch darf angemerkt werden, dahß die neuerdings eingerichteten Studien-, Sekunda- und Festfahrten gar nicht so neu sind, wie sie manchem anfangs erscheinen mochten. Sie haben ihre Vorbilder in dem Maifest, das schon von Ackermanns Leiten her regelmäßig von der ganzen Schule gefeiert wurde; in den„Grohen Spaziergängen“ in die Umgebung Frank- ſurts, die die Lehrer mit ihren Klassen bereits in den vierziger Jahren in den Ferien und an Sonntagen gelegentlich unternahmen; in dem„Nachtlager von Königstein“, das Karl Oppel 1845 mit zwöll Schülern in höchst romantischer Weise abhielt, und in den mehrtägigen„Fuhßwande- rungen“, die der genannte, ungemein beliebte Lehrer öfters mit seinen Schülern machte; ferner in den auch heufe noch unvergessenen„Turnfahrten“ von Proſ. Dr. Wilhelm Reinhardt, in den„Sfudien- lahrten“ von Prof. Wilhelm Freund, und schliehlich auch in den„Schülerreisen“ nach England, die Oberstudienrat Dr. Sander vor dem Kriege wiederholt veranstaltete. Wir haben also lediglich eine Entwicklung wieder aufgenommen, die der Krieg unferbrochen hafte. Neu ist nur der größere Rahmen, und neu ist vor allem die Tatsache, dah die beträchtlichen Kosten im wesentlichen aus eigenen Mitteln der Schule bestritten werden.
So wurzeln wir auch hier im alten, gewachsenen Boden unserer besten UÜberlieferungen, und
gern wollen wir der Vergangenheit den schuldigen Dank freigebig erstatten. Aber man hat das Wesen der Tradition— der Ausdruck ist vorher schon mehrfach gebraucht
worden— noch nicht erfaßt, wenn man Ereignisse und Persönlichkeiten, mögen sie noch so be- deufend sein, arithmetisch aneinanderreiht. Das Wesen der Tradition liegt fiefer und hat für unsere Schule eine ganz besondere Notfe. Nicht überflüssig ist es daher, einige Worte darüber zu sagen
an einem Iage, der nicht eitlem Selbstlob, sondern ernster Selbstbesinnung gewidmet sein darf.
Nach der ausdrücklichen Bestimmung ihrer Gründer sollte die Schule eine„Probier- und Ex- perimentierschule“ sein. Auf diesem Grundgesetz beruhen wir, seiner Beſolgung verdanken wir Aufschwung und Blüte. Wenn wir es je aufgäben, müßten wir uns zuerst selber verleugnen. Der landläuſigen Auflassung von TIradition stellen wir eine besondere gegenüber. Zu oft schon ist das Wort im öfſentlichen Leben mihbraucht worden, als daß es nicht von Zeit zu Zeit in seiner edleren Bedeutung wieder hergestellt werden müßte, namentlich in Jahren so allgemeiner Gährung wie heufe, wo die einen ratlos und muflos nur Verfall und Untergang, die anderen gläubigen Herzens die Geburtsstunde einer neuen Zeit sehen, aus der das kommende Geschlecht freier
und geläuterter hervorgehen soll.
Tradition ist heufe wie schon so oft im Streit der Geister zum Kampfruf geworden. Jede Rück- ständigkeit auf politischem, wirtschaftlichem, sozialem und künstlerischem Gebiet hat sich von jeher in ihren Panzer gehüllt, jede Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit sich in ihren bequemen Schutz geflüchtet. Manch redlichen Willen zum Neuen und Unerhörten hat sie bezwungen und manche wertvolle, stürmische Eigenart so lange verbogen, bis sie in das alte Rüstzeug pahte.
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