Damit sollen ihre segensreichen Kröfte keineswegs bestriften werden. Sie hat schon ganzen Völkern in schweren Zeiten Halt und Kraft gegeben, sie hat oft dem einzelnen an den Scheidewegen seines Lebens als gute Göttin klar die Richtung gewiesen. Nicht nur dem Schwachen kann sie Stab und Sfütze sein, wenn sein Fuß straucheln möchte. Gluücklich, wer das schon selber verspürt hat; be- dauernswert, wem es versagt blieb; zu verurteilen aber, wer Segen in Unsegen verwandeln half. Denn es liegt die Tragik der Gegensählichkeit darin, daß die Tradition auf allen Gebieten des Lebens vielleicht schon ebensoviele zerbrochen wie gerettet hat, wenn sie sich, alle Wege ver- sperrend, wie eine unverrückbare Mauer erhob. Unheimlich und erbarmungslos erscheint dann ihre Macht. Ein Hauſe Zerschellter liegt überall da, wo es schließlich einem Beherzten gelang, das
Hindernis zu brechen oder zu übersteigen.
In Epochen der Geschichte— und man muß fühlen, daß wir heute in einer Epoche leben— handelt es sich nicht in erster Linie darum, Tradition als eine Summe ſesten Erbgqutes, ob nun materiell oder geistig, gewohnheitsmähig zu übernehmen, sondern es wird die entscheidende Frage an das lebende Geschlecht gestellt, inwieweit es im Sfande sei, selber Tradition zu begründen. Tradition ist kein Museum für alles, was je gewesen; sie soll auch nicht zur Schutzformel des eigenen Be- sitzes oder Namens entwürdigt werden; noch weniger darf sie ein lastender Trümmerhaufen sein, der lebendige Quellen verschütfet. Richtig verstandene Tradition sieht ihre Aufgabe nicht darin, zeitbedingte Schöpſungen, einstmals gut und schön, unverändert beizubehalten, auch wenn das Gesicht des Jahrhunderts sich schon längst gewandelt hat. Sie beruft sich nicht darauf, was die Alftvorderen materiell faten, sondern sie beruft sich auf den Geist, der die Führer der Vergangenheit in ihren besten Tagen vorwärts frieb und ihnen beſehlen würde, mit eigener Hand die selbst- geschaffene Form zu zerbrechen, wenn sie noch einmal unter uns weilen und erkennen könnten, daß ihr Werk seinen Zweck erfüllt hat und die Gegenwart nach neuen Gestaltungen verlangt. Denn Tradition ist kein Trägheitsgesetz, sondern ein dynamisches Prinzip, eine geistige Kraft, ein ſlutender Strom, der von den Ahnen durch uns zu Kindern und Enkeln geht. Wohl mag es nützlich sein, zuweilen den Blick zurückzukehren, um fiefere Einsichten, um Trost und Hoſſnung zu suchen; aber an den Gegebenheiten der Vergangenheit an sich können wir nichts ändern. Vom Schicksal in die Gegenwart gestellt, haben wir die Aufgabe, für die Zukunſt zu arbeiten.
Vielleicht ist uns Deutschen der historische Sinn, der Sinn für Tradition, fieſer eingepflanzt als andern Völkern. Aber nicht selten ergreift er den ſalschen Gegenstand. Wi⸗ schleppen mühselig Lasten mit, die wir besser von uns würfen, nicht nur in unsern politischen und sozialen Einrich- ftungen, in unserer Klassenscheidung und in der hartnäckig behaupfeten überlebten Kleinstaaterei:
auch in unsern Bildungsgütern.
Gerade weil die Bedeutung der Tradition so oft in den Schulen überbefont wird, muh auch ein- mal gefragt werden, ob es nicht wichtiger sei, den einzelnen und die Gesamtheit mehr zur Ver- antworfung vor der eigenen und des Volkes Zukunſt als zur Verantwortung vor der Vergangen- heit zu erziehen, die oft nur eine„Konvention von Fabeln“ ist.
Und wenn wir mit dieser Wendung vom Allgemeinen wieder zum Besonderen unserer Schule
zurückkehren, so dürfen wir sagen, dahß uns das Gesetz unserer Gründung von jeher mehr in die
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