Aufsatz 
Charakteristik des höfischen Lebens zur Zeit seiner Blüte : mit besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Stellen aus Gottfried von Straßburg / von Müller
Entstehung
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wecken und zu nähren und ihn auch mit den äußeren Formen des Rittertums genau bekannt zu machen geeignet waren. vergl. 4598 ff. wan bi minen tagen und é hàt man sòô rehte wol geseit von ritterlicher werdekeit, von richem geraete. ja ritterliche zierheit. diu ist sd manege wis geschriben und ist mit rede alsòô zetriben, daz ich niht kan gereden dar abe

Dementſprechend war denn auch der Unterricht in der Muſik und im Geſange ein weſentlicher Teil der höfiſchen Erziehung, und eine Virtuoſität in dieſen Künſten gilt für die Krone der Bildung. Dieſe wird(v. 3710 ff.) dem ſangeskundigen Triſtan zugeſprochen, als er ſein meiſterhaftes Spiel beendet hat: Tristan, dir ist der wunsch gegeben

aller der fuoge, die kein man ze dirre werlde gehaben kan.

Die Muſik iſt vorzugsweiſe dazu beſtimmt, ſich als beſeelende Begleitung dem Geſange anzuſchließen. So werden denn auch von Gottfried faſt nur Saiteninſtrumente erwähnt, teils ſolche die mit den Fingern oder dem plectrun, einer Art Griffel, geſchlagen werden, wie harfe und rotte, letztere von rundlicher Geſtalt(lat. rota), teils Streichinſtrumente, die wahrſchein⸗ lich von den Kreuzfahrern aus dem Orient eingeführt ſind: videl, eine Geige ohne Griffbrett, und, ihr verwandt, lire und symphonie. Am beliebteſten ſcheint die Harfe geweſen zu ſein, die vielleicht auch aus dem Orient ſtammt, vielleicht aus England nach dem Feſtland gekom⸗ men iſt und jedenfalls ſchon im 9. Jahrhundert erwähnt wird; ſie kommt auch bei Gottfried gewöhnlich zur Verwendung. Ohne Zweifel war ſie von mäßiger Größe und einfacher Form, wahrſcheinlich ein dreieckiger hölzerner Rahmen mit quer übergeſpannten Saiten. Noch man⸗ nigfacher als die Namen der Inſtrumente ſind die der Lieder, die im Triſtan vorkommen: leich, schanzune, spaehe wise(2292), rundate, refloit, pasturèle, stampenie und andere, auf deren Bedeutungen einzugehen hier zu weit führen würde, zumal ſie nicht bei allen mit Sicherheit feſtzuſtellen ſind.

Da das Rittertum einen internationalen Charakter hat, ſo iſt es nicht auffallend, daß ſowohl der Ton und die Weiſe(Metrum und Melodie) als auch der Text der Lieder oft dem Auslande entlehnt iſt: Triſtan findet mit ſeinen bretoniſchen, franzöſiſchen und lateiniſchen Liedern am Hofe Marke's großen Beifall, zumal da auch ſein Vortrag die Aufmerkſamkeit in hohem Maße feſſelt. Als süeze unde senelich wird derſelbe bezeichnet und ſo, alse der noten wart gedaht, d. h. als lieblich und innig und ſo, wie ihn der Componiſt gewünſcht hat. Wohl ſtehet(3545 ff.) die Harfe ſeinen Händen, die recht zum Spiel geeignet, nämlich zart und lang, ſind. Nachdem er zuerſt prüfend in die Saiten gegriffen hat und das Inſtru⸗ ment geſtimmt hat, folgen das Vorſpiel(ursuoche) und die Eingangsſätze(grüeze), dann ſtimmt er ein Lied an und trägt es unter Harfenbegleitung mit ſolcher Meiſterſchaft vor, daß er Ohr und Herz der Zuhörer bezaubert:

ja sine vinger wize

die giengen wol ze flize

walgende in den seiten.

si begunden doene breiten

daz der palas voller wart..

Daß fremde Sprachen in den oberen Kreiſen des Adels häufig einen wichtigen Teil des Unterrichts bildeten, darf nach den obigen Ausführungen nicht wunder nehmen und wird auch durch Gottfried an der bekannten Stelle, wo er von Triſtans Erziehung ſpricht, beſtä⸗ tigt: sin vater, der marschalc, in nam

und bevalch in einem wisen man: mit dem sant' er in iesd dan durch fremede sprâche in fremediu lant.