Aufsatz 
Charakteristik des höfischen Lebens zur Zeit seiner Blüte : mit besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Stellen aus Gottfried von Straßburg / von Müller
Entstehung
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der er etwa vom 7.14. Jahre angehört; daran ſchließt ſich dann die Zeit des Knappen(knap- pe, garzün), die mit dem Übertritt in den Ritterſtand, etwa im 21. Jahre, endet. Doch können dieſe Zahlen nur annähernd die Grenzen zwiſchen den verſchiedenen Stufen bezeichnen, da je nach den Verhältniſſen häufig genug Abweichungen vorkamen.

Der oben erwähnten Auffaſſung entſpricht ferner der Grundſatz, daß der Knabe ge⸗ wöhnlich nicht unter der rückſichtsvollen Aufſicht ſeiner nächſten Verwandten erzogen, ſondern an einen andern Hof, meiſtens wohl an den des Lehnsherrn, geſchickt wird, damit er hier gemeinſchaftlich mit andern Knaben höfiſche Zucht und Sitte erlerne.

v. 3124 unkünde(d. h. das Leben in der Fremde) ist manegem herzen guot und léèret maneger hande tugent. Auf Gemüt und Sitte wirken ſchon in dieſen Jahren die Frauen vorteilhaft ein; denn indem der Knabe ſich ſchon jetzt beſtreben muß, ihnen ſeine Dienſte zu erweiſen, wird er von ihnen zu geziemendem Betragen angeleitet. Zugleich hat er in den älteren Knappen, denen er bei ihren mannigfachen Verrichtungen zur Hand gehen muß, Lehrer und Vorbilder.

Wenn wir nun die ritterliche Erziehung zunächſt ohne Rückſicht auf dieſe beiden Stufen im Zuſammenhange betrachten, ſo verſteht ſich von ſelbſt, daß die geiſtige Ausbildung nach Maßgabe des Ranges und Vermögens der Eltern verſchieden war. Während bei dem nie⸗ dern Adel von einem wiſſenſchaftlichen Unterricht nicht die Rede ſein kann, forderte das Leben von dem Knaben aus fürſtlichem Hauſe mancherlei Kenntniſſe, die bei der Mangelhaftigkeit der Lehrmittel zugleich mit den Leibesübungen die ganze Kraft des Knaben in Anſpruch nehmen.

Wenn Triſtan ſich dem Wunſche ſeines Pflegevaters gemäß dem Bücherſtudium wid⸗ met, ſo wird er darin ſelbſt in den höchſten Kreiſen der höfiſchen Geſellſchaft nicht allzuviel Nachahmer gefunden haben. Waren doch in damaliger Zeit ſelbſt Könige des Leſens und Schreibens unkundig, und unter den Fertigkeiten, die an Triſtan gerühmt werden, wird Leſen und Schreiben ausdrücklich erwähnt. Auch wird das Bücherſtudium als beſonders ſchwierig und dornenvoll bezeichnet. So heißt es v. 2068, nachdem erwähnt iſt,

daz er aber al zehant

der buoche léêére anvienge

in der färbenden Manier Gottfrieds in Bezug darauf weiter:

trat er in daz geleite betwungentlicher sorgen, die ime vor verborgen und vor behalten waren. in den uf blüenden jâren, al sin wunne solte erstàn, déô er mit fröuden solte gân in sines lebenes begin, was sin beste leben hin. déô er mit fröuden blüen began, viel der sorgen rife in an, der maneger jugent schaden tuot und darte im siner fröuden bluot.

Durch Unkenntnis des Leſens und Schreibens iſt indeſſen keineswegs, wie es heute der Fall zu ſein pflegt, eine Unbekanntſchaft mit der Litteratur bedingt; vielmehr wurden die Er⸗ zeugniſſe derſelben, namentlich die Dichtungen, durch Vorleſen, Erzählen und Geſang weiter verbreitet, und man konnte ſich bei gutem Gedächtnis allein auf dieſem Wege ein reiches Maß von Kenntniſſen aneignen, wie denn ſogar von dem bedeutendſten Dichter der Zeit, Wolfram von Eſchenbach, überliefert iſt, daß er nicht habe ſchreiben können. Die ritterliche Poeſie, nicht nur die nationalen Heldengeſänge, deren Sagen in das Gewand ritterlichen Lebens gekleidet waren, ſondern auch die höfiſchen Epen, wie ſie damals entſtanden, und die zahlreichen lyriſchen Dichtungen, werden für die Erziehung des künftigen Ritters von der größten Wichtigkeit geweſen ſein, da ſie vor allem ein ideales Streben des Jünglings zu