Aufsatz 
Charakteristik des höfischen Lebens zur Zeit seiner Blüte : mit besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Stellen aus Gottfried von Straßburg / von Müller
Entstehung
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Namentlich gehörte Kenntnis der franzöſiſchen Sprache zur guten Erziehung des deutſchen Ritters, wie denn auch Gottfried mit ihr ſehr vertraut iſt und ſo gern mit dieſer Fertigkeit prunkt, daß er bis zum Überdruß häufig franzöſiſche Wörter einſchaltet.

Und wie der höfiſche Knabe die Sprachen hauptſächlich praktiſch erlernt, ſo mußte überhaupt damals das Leben ſelbſt, beſonders das Reiſen, viel mehr als heute an die Stelle des ſchulmäßigen Unterrichts treten. Demgemäß heißt es v. 2131:

er hiez in z'allen ziten

varen unde riten

erkunnen liute unde lant,

durch daz im rehte würde erkant, wie des landes site waere.

Die körperliche Ausbildung des künftigen Ritters bezweckte ſowohl eine gedeihliche Entwickelung des Leibes überhaupt als auch insbeſondere die Erwerbung derjenigen Kraft und Gewandtheit, die für den ritterlichen Kampf zu Roß erforderlich waren. Denn ſeit dem Beginn der Kreuzzüge hatte ſich der Waffenberuf bedeutend gehoben. Bis dahin hatte der Ritter gelegentlich wohl nach der Väter Weiſe auch zu Fuß gekämpft, jetzt wird der Kampf zu Roß eine überaus wichtige Aufgabe, die eine genaue Kenntnis des Pferdes ſowohl wie auch der Waffen notwendig macht. Daher muß ſich der Knabe und der Jüngling nicht nur im Laufen, Hoch⸗ und Weitſpringen, Ringen, Schwimmen, Speerwerfen u. ſ. w. üben, ſon⸗ dern ſich auch mit allen Einzelheiten des Reiterdienſtes vertraut machen: Er muß auf⸗ und abſitzen(ufsitzen und erbeizen), alle Gangarten üben: im langſamen Schritt(8970 stapfen), im Trab(8950 enzelt riten), im Galopp(galopieren) und im Hochſprung reiten(daz ors von sprunge freche füeren) entweder in gerader Richtung(en rihte) oder in Wendungen (turnieren, eine kêre nemen, daz ors umbe oder wider werfen), nicht nur mit angefaßten, ſondern auch mit verhängten Zügeln(letzteres leisieren 2107). Erforderte doch auch das Reiten weit größere Kraft, Behendigkeit und Geiſtesgegenwart als in unſrer Zeit. Denn der Ritter wurde einmal durch die ſchwerere Rüſtung in ſeinen Bewegungen mehr gehindert, dann aber auch, da Linke und Rechte, jene durch den Schild, dieſe durch Führung von Schwert und Lanze, oft gleichzeitig und ausſchließlich in Anſpruch genommen waren, häufig in die Notwendigkeit verſetzt, die Zügel fahren zu laſſen und das Pferd bloß mit Schenkeln und Sporen zu lenken.

Ein treffliches Mittel ſowohl die Körperkraft zu ſtählen als auch Geiſtesgegenwart, Mut und Tapferkeit zu erwerben, iſt die Jagd, zu der ſchon der Knabe angeleitet wird.

Bei allen Leibesübungen iſt das Hauptaugenmerk auf die Anmut und Leichtigkeit der Bewegungen zu richten; denn die Kraft findet nur dann Anerkennung im höfiſchen Leben, wenn ſie mit edelm Anſtande gepaart iſt. Riwalin(702 ff.) erntet beim Kampfſpiel den Beifall der zuſchauenden Frauen nicht ſowohl wegen ſeiner Tapferkeit als wegen ſeiner anmutigen Erſcheinung: seht, sprachen sie, der jungelinc

der ist ein saeliger man:

wie saelecliche steht im an

allez daz, daz er begàt!

wie zimet der schaft in siner hant! wie wol staât allez sin gewant!

wie stät sin houbet und sin här! wie süeze ist allez sin gebär.

Ferner muß der höfiſche Knabe ſich ſchon früh eine gewiſſe Gewandtheit im geſelligen Verkehr erwerben, ja es wird auf die geſelligen Vorzüge ein ſolches Gewicht gelegt, daß ſo⸗ gar die ſittlichen Begriffe dadurch beeinträchtigt werden und tugent oft nur geſellſchaftlichen Anſtand, moralität die Lehre davon bedeutet. So kommt es, daß die mae, d. h. die ge⸗ ſellſchaftliche Selbſtbeherrſchung, die der Leidenſchaftlichkeit der älteren Zeit grade entgegen⸗ geſetzt iſt, für die größte Zier im höfiſchen Leben gilt und daß der reich entwickelten Etikette ein hoher Wert beigemeſſen wird. Doch ſoll die Freiheit des Auftretens in der Geſellſchaft