Aufsatz 
Charakteristik des höfischen Lebens zur Zeit seiner Blüte : mit besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Stellen aus Gottfried von Straßburg / von Müller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

im Dienſte des Lehnsherrn, in Fehden und auf der Jagd häufig abweſend iſt, ſitzt die Edel⸗ frau, die noch zum Ingeſinde des Mannes zählt, einſam daheim und kann ſich bei der Lei⸗ tung des Hausweſens wohl einen männlich ſtarken Sinn, in ihren Mußeſtunden im beſten Falle einige Gelehrſamkeit, nicht aber die feineren Tugenden zu eigen machen, deren ſich die Frau des folgenden Zeitraums rühmen darf.

Den germaniſchen Völkerſchaften gegenüber befinden ſich die Romanen im nördlichen Spanien und in Frankreich um dieſelbe Zeit allerdings ſchon auf einer höheren Stufe der Bildung. Bei dem Reichtum und der Schönheit des Landes, bei der ſinnlich heitern Beweg⸗ lichkeit der Bewohner hat ſich hier auf dem Boden altrömiſcher Kultur eine Lebensanſchauung verbreitet, die als der Ausgangspunkt der neuen mittelalterlichen Kultur betrachtet werden kann. Nicht wenig anregend wirkt trotz mancher feindlichen Berührungen die Nachbarſchaft der ſpaniſchen Araber, die durch orientaliſche und griechiſch⸗römiſche Wiſſenſchaft und Kunſt gebildet, das Leben mit allen Reizen feinerer Geſelligkeit ausgeſchmückt haben. Von ihnen entlehnen die Franzoſen Geiſt und Technik ihrer dichteriſchen Erzeugniſſe, die nun zu immer reicherer Entfaltung kommen. Während gleichzeitig im nördlichen Frankreich die Romanpoeſie ihren Anfang nimmt, beginnt das ſüdliche von Minneliedern und Schlachtgeſängen zu wider⸗ hallen. Die Sitten mildern ſich, und es kommen in den höheren Geſellſchaftskreiſen gewiſſe Formen des Verkehrs, beſtimmte leitende Lebensgrundſätze zur Geltung, die dann bald zur Würde eines allgemein anerkannten Geſetzbuches erhoben werden.

So hebt hier im Weſten eine Bildung an, die zunächſt am Ober- und beſonders am Niederrhein auf uralten Verkehrsſtraßen in die benachbarten Teile Deutſchlands vordringt, dann aber über das geſamte Abendland durch die großartige Bewegung der Kreuzzüge weiter geleitet wird.

Eröffnet wurden dieſe bewaffneten Pilgerfahrten, die freilich je länger je mehr auch weltlichen Zwecken dienten, wieder von den Romanen, indem zunächſt die Franzoſen dem Hilferuf der bedrängten Kirche Folge leiſten. Durch Deutſchland, Italien und das byzan⸗ tiniſche Reich gelangen die Kreuzfahrer nach Jeruſalem: ſie lernen die Länder der alten Griechen und Römer mit ihrem bunten Volksleben, ihren zahlreichen Reſten der alten Kunſt, ſie lernen das wunderreiche Morgenland mit ſeinem Sonnenglanz und ſeiner Farbenpracht aus eigner Anſchauung kennen und bereichern überſchwenglich die lebhaft erregte Phantaſie. Im erſten Feuer der Begeiſterung wird Jeruſalem den Händen der Ungläubigen entriſſen und in Palöſtina ein chriſtliches Königreich aufgerichtet.

Bald gleicht das heilige Land einer Kolonie, in der aus dem Abendlande alle, die von frommem oder abenteuerlichem Sinn hinübergetrieben wurden, zuſammentreffen und die Schätze ihrer Bildung mit einander austauſchen. Alle neuen Anſchauungen aber, die ſie hier gewinnen, nehmen ſie mit in die Heimat und laſſen ſie fortwirken auf das Leben des eignen Volkes. Die italieniſchen Städte beuten die neue Handelsverbindung aus und verbreiten prächtige Kleiderſtoffe, koſtbare Waffen und edle Gewürze aus dem Orient zunächſt nach Italien und von dort auf weithin verzweigten Handelsſtraßen nach den nördlicheren Teilen Europas.

Infolgedeſſen wird nun allenthalben im Abendlande nicht nur der Reichtum und der Glanz des äußeren Lebens, ſondern auch die geiſtige Bildung in hohem Grade gefördert.

Aus dem Verkehr aber, der ſo durch die Kreuzzüge geſchaffen iſt, zieht nun ganz be⸗ ſonders der Stand der Ritterbürtigen einen unermeßlichen Nutzen. Neben den edelgebornen Rittern waren jedoch inzwiſchen auch die abhängigen Leute, die zu Roſſe dienten, mehr und mehr zu Anſehn gelangt nnd ſchon zu Friedrich Barbaroſſa's Zeiten auf dem gemeinſamen Boden ritterlicher Erziehung und ritterlichen Strebens mit jenen zu einem Stande vereinigt, der immer mehr von gleichem Geiſte durchdrungen wird. Da nämlich die Ritter den Kern der Heere bilden, der im Kampfe die Entſcheidung giebt, ſo haben ſie ſich ſeit dem Beginn der Kreuzzüge trotz der nationalen Unterſchiede als bevorzugte Klaſſe fühlen gelernt. Die charak⸗ teriſtiſche Ausbildung, die das Rittertum bereits in Frankreich gefunden hat, wird von den andern Völkern übernommen, und ſo erwächſt eine Gemeinſchaft, die, über das ganze Abend⸗ und Morgenland verbreitet, ſich von den übrigen Ständen ziemlich ſcharf abhebt, auf der