Charakteriſtik des höſiſchen Lebens zur Zeit ſeiner Blüte
mit beſonderer Berückſichtigung der einſchlägigen Stellen aus gottfried von Straßburg.“*)
Gedaehte man ir ze guote niht, Von den der werlde guot geschiht, S waere ez allez alse niht, Swaz guotes in der werlt geschiht. Trist. v. 1—4.
Eingang: Urſprung des höfiſchen Lebens.
Im Zeitalter der Kreuzzüge nahm die Kultur bei den chriſtlichen Völkern des Abend⸗ landes einen Aufſchwung, der um ſo glänzender erſcheint, je langſamere Fortſchritte ſie ſeit der Einführung des Chriſtentums daſelbſt gemacht hatte. Bei den germaniſchen Völkerſchaften gleicht noch die unmittelbar vorhergehende Zeit, das elfte Jahrhundert, faſt einem Chaos, das nach feſter Geſtaltung ringt. Das Chriſtentum mit ſeiner fremdartigen Bildung hat den Volksgeiſt noch nicht völlig zu durchdringen vermocht: vielmehr erſcheint die Religion bei Geiſtlichen wie bei Laien meiſt noch als äußerlicher Gottesdienſt, und wo ſie das Gemüt er⸗ griffen hat, zeigt ſie ſich gewöhnlich entweder ſchon in myſtiſcher Form oder als finſteres, oft Abſcheu erregendes Büßertum. Noch beherrſcht den Menſchen allzuſehr die Leidenſchaft: es iſt eine reckenhafte, häufig aber ſich ſelbſt verzehrende Kraft, die uns in ſo vielen groß angelegten Charakteren jener Tage entgegentritt.
Die Städte befinden ſich, namentlich in Deutſchland, noch auf einer ſehr niedrigen Stufe der Entwickelung. Ihre Mauern umſchließen unter dem Schutze von Abteien oder Biſchofsſitzen neben wenigen Freien eine zinspflichtige Bevölkerung; Straßen und Häuſer bieten einen dürftigen Anblick.
Was außerhalb der kirchlichen Kreiſe an geiſtigem Leben vorhanden iſt, ruht im Stande des Adels, der draußen auf ſchmuckloſen, ungaſtlichen Burgen hauſt und noch alles deſſen entbehrt, was den Sinn für edleren Lebensgenuß wecken könnte. Während der Mann
*) Die nachſtehende Abhandlung verfolgt vorzugsweiſe den Zweck, in den Kreiſen der Schule kultur⸗ geſchichtlichen Sinn zu pflegen und zugleich das Verſtändnis der mittelhochdeutſchen Dichtungen erſchließen zu helfen, indem ſie das Bild des höfiſchen Lebens, das uns in den beiden nationalen Epen und in der höfiſchen Lyrik Walthers von der Vogelweide entgegentritt, im Lichte höfiſcher Epik zeigen und ſo viel wie möglich ergänzen und abrunden will. Auf eine erſchöpfende Darſtellung des höfiſchen Lebens muß ſie, wie ſich hier von ſelbſt verſteht, verzichten: ſie will nur gleichſam ein Ausflug ſein in ein weites, nicht unbekanntes und doch hie und da noch dunkles Gebiet, nach den Weiſungen Gottfrieds, als eines kundigen Führers, von den hervorragendſten Punkten nähere Umſchau halten und nebenbei einen Blick über das Ganze zu gewinnen ſuchen.
Das zu Grunde gelegte bekonnte Epos Gottfrieds von Straßburg„Triſtan und Iſolde“ kann hier, ſoweit es bereits den beginnenden Verfall widerſpiegelt, nur ganz im Voruͤbergehen berückſichtigt werden, im übrigen aber dürfte es für den vorliegenden Zweck in hohem Maße geeignet ſein, nicht nur weil es noch der beſſeren Zeit des Rittertums angehört und faſt alle Teile des höfiſchen Lebens berührt, ſondern auch deshalb, weil es— trotz mancher unleugbarer Schattenſeiten— doch an Lebenswahrheit alle andern Dichtungen der Artusſage übertreffen dürfte. 1
Von neueren Werken ſind benutzt worden: Die Geſchichtswerke von Friedr. v. Raumer(Geſch. der Hohenſtaufen), Gieſebrecht, Lamprecht und die Litteraturgeſchichten von Koberſtein und Scherer, ferner Alwin Schultz„Das höfiſche Leben zur Zeit der Minneſänger“, Jakob Falke„Die ritterliche Geſellſchaft im Zeitalter des Frauenkultus“, Johannes Scherr„Deutſche Kultur⸗ und Sittengeſchichte“, Moritz Carriere„Die Kunſt im Zuſammenhang der Kulturentwickelung“.
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