Bedeutung für die Schulre- formbewegung.
Ubermässiger Zudrang zu den städtischen Schulen.
Vorzüge der ländlichen An- stalten.
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Wohl aber ist zu erwarten, daß die Alumnate auch für die Einzelpensionen in vielen Dingen vorbildlich wirken und das ganze Pensionswesen mit neuem erzieherischem Geist erfüllen werden.
Darüber hinaus aber dürfen wir hoffen, daß von einer lebendigen Entwicklung des Alum- natswesens ein kräftiger Antrieb ausgehen kann, um die gesamte Schulreformbewegung in zukunftsreichere Bahnen zu lenken.
Gewiß ist das Interesse für Unterrichtsfragen im letzten Menschenalter außerordentlich groß gewesen, und an literarischer Tätigkeit auf dem Gebiet der Schulreform ist kein Mangel. Noch denkt man im preußischen Kultusministerium mit Schauder an die 344 Reformvorschläge, die im Jahre 1889 dem Minister v. Goßler vorlagen, und wie viele schöne Projekte sind inzwischen neu hinzugekommen! Des Pläneschmiedens ist man nun anscheinend doch etwas müde geworden, seitdem man erkannt hat, daß die mit so großen Erwartungen begrütßte Schulreform von 1901, die uns die Gleichberechtigung der drei Schulgattungen brachte, an dem tatsächlichen Bestand nichts geändert hat, außer daß die städtischen Oberrealschulen unheimlich angeschwollen, ihre Räume überall zu klein geworden und die Scharen, die alljährlich sich zu den Pforten der Hochschule drängen, besorgniserregend angewachsen sind. So ist man denn vielleicht heute weniger als vor 10 Jahren geneigt, von einer von den Schulverwaltungen ausgehenden allgemeinen Organi- sationsänderung viel zu erwarten. Man setzt seine Hoffnung zunächst mehr darauf, daß den einzelnen Anstalten eine weitgehende Bewegungsfreiheit eingeräumt und an ihnen durch praktische Versuche neue Organisationsmöglichkeiten erprobt und neue Ideen ins Leben eingeführt werden, und man vertraut auf die Kraft der natürlichen Entwicklung, durch die das innerlich Lebens- kräftige sich von selbst durchsetzen werde. Zu den Versuchen aber, auf die man für eine er- freuliche Fortentwicklung unsres Schulwesens die größten Iloffnungen setzen kann, gehört die Errichtung von Alumnaten. Denn mit ihr betreten wir den Weg zur Abhilfe gegen einen der schwersten Schäden unseres höheren Schulwesens: die Landflucht und den Zug nach den großen Städten.
Mit Recht haben die Schulverwaltungen längst dieser Frage ernste Aufmerksamkeit zu- gewendet. Denn indem die Masse der auswärtigen Schüler durchweg nach den großen Städten strebt, entsteht ein bedenkliches Mißverhältnis in dem gesamten Aufbau unseres öffentlichen Schulwesens. Die städtischen Anstalten sind überfüllt; die Lehrer sind vielfach überlastet und reiben sich vor der Zeit auf; und anstatt die Schüler in Unterricht und Erziehung nach ihrer Individualität behandeln zu können, müssen sie sich häufig mit äußerer Dressur begnügen. Da- gegen stehen die Räume der ländlichen Anstalten oft leer, die vorhandenen Lehrkräfte werden nicht voll ausgenutzt, und die Schülerzahl ist mitunter so klein, daß sich das erzieherisch so wertvolle Gemeinschaftsgefühl nicht bilden kann und selbst der Unterricht durch das Fehlen eines genügend kräftigen Resonanzbodens gehemmt wird. Und zudem können sich diese An- stalten unter solchen Umständen nur schwer davor bewahren, durch den Zuzug minderwertiger Elemente zu den Oberklassen inneren Schaden zu leiden, weil die Zahl der Schüler aus der näheren Umgebung nicht hinreicht, um die Oberstufe lebensfähig zu erhalten.
Es handelt sich aber noch um etwas viel Wichtigeres als die Herbeiführung eines Ausgleichs der Frequenz der städtischen und ländlichen Anstalten. In unserm Unterrichtswesen muß die
Einsicht durchdringen, aus der die Bewegung der Landerziehungsheime hervorgegangen ist; die
Einsicht, daß die Großstadt trotz mancher Vorteile für die geitsige Entwicklung doch als ständiger Schauplatz der Erziehung den Vergleich mit dem Land nicht aushält. ¹) Ich berufe mich wieder auf Wilhelm Münch, der aus der Tatsache der frischen Empfänglichkeit und Anregbarkeit der Kindernatur die Forderung ableitet, daß es vor allem gelte, der Empfänglichkeit wertvolle Ein- drücke entgegenzubringen, und zwar so, daß dieselben über die Fülle der zufälligen und in- differenten Eindrücke obsiegen. ²) Was steht aber zu dieser Forderung in so schneidendem Gegensatz wie das Treiben der modernen Großstadt, das der heranwachsenden Jugend auf Schritt und Tritt eine so überwältigende Menge nicht nur indifferenter, sondern geradezu ver- derblicher Eindrücke entgegenbringt, daß eine dauernde erzieherische Einwirkung der Schule
1) Dr. Lietz, Reins Encykl. Handbuch der Pädagogik V, 290. 2) Geist des Lehramts, S. 122.


