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Daneben gibt es aber auch, worauf ich schon an anderem Ort hingewiesen habe, ¹) zahlreiche Pensionen, in denen es an jeder erzieherischen Einwirkung auf die Schüler, ja vielfach an jeder ausreichenden Beaufsichtigung fehlt. Wer die Verhältnisse kennt, wird der Ansicht des Direktors Dr. Borbein zustimmen, daß viele Jungen nur darum an Leib und Seele schweren Schaden ge- nommen haben, weil sie gerade die wichtigsten Jahre ihrer körperlichen und gemütlichen Ent- wicklung in einer für sie ungeeigneten Umgebung verbracht haben. ²)
Nun fängt aber der Notstand auf dem Gebiet des Pensionswesens neuerdings an, geradezu akut zu werden. Denn auf der einen Seite verschließen sich gerade die gebildeten Familien immer mehr der Aufnahme von Pensionären, seitdem der allgemeine Wohlstand gestiegen ist und namentlich die Gehaltsverhältnisse der Beamten, Oberlehrer und Geistlichen sich wesentlich günstiger gestaltet haben, als dies früher der Fall war. Vor einem Menschenalter war es selbst bei Direktoren keine Seltenheit, daß sie eine Privatpension für Schüler ihrer Anstalt unterhielten; heute wird man kaum einen Direktor finden, der dies mit seinen Amtspflichten vereinigen zu können meinte. Aber auch die Zahl der Oberlehrer, die geneigt sind, Zöglinge in ihr Haus aufzunehmen. wird immer kleiner. Dazu trägt viel der Umstand bei, daß sowohl die Regierung wie noch mehr die Oberlehrervereine die Tendenz haben, einen gewerbsmäßigen Pensionsbetrieb von Lehrern, der ja immer leicht Mißdeutungen ausgesetzt ist, immer mehr einzuschränken. ³) So berechtigt nun aber dieses Bestreben vom Standpunkt des Standesinteresses auch sein mag, so verschärft es doch noch die Notlage der Eltern, die ihre Söhne aus dem Hause geben müssen, und die tatsächlich heute, selbst wenn sie einen hohen Preis zu zahlen imstande sind, oft nicht wissen, wo sie die Jungen unterbringen sollen, namentlich wenn diese der wissenschaftlichen Anleitung und erzieherischen Einwirkung bedürfen.
Auf der anderen Seite aber wird die Zahl der Knaben, die ihre Schulzeit nicht im Eltern- haus verbringen können, ohne Zweifel in Zukunft noch bedeutend zunehmen. Dabei denke ich weniger an den immer stärker werdenden Zudrang zu den höheren Berufen und zu den gelehrten Bildungzanstalten, als daran, daß in weiten Kreisen der städtischen Bevölkerung die erzieherische Kraft der Familie so sehr nachgelassen hat, daß diese vielfach nicht mehr als die ge- eignetste Bildungsstätte der heranwachsenden Jugend gelten kann. Solche Erscheinungen hat wohl Wilhelm Münch im Auge, wenn er sagt, für die Sphäre der Familie seien die Bedingungen des modernen Kulturlebens überhaupt nicht günstig;4) und so spricht auch Oskar Jäger gelegentlich von der Reform des Elternhauses als der wichtigsten aller Schulreformen. Wir wollen uns doch nicht mit wohlgemeinten Redensarten darüber wegtäuschen, daß das großstädtische Getriebe das Familienleben in zahllosen Fällen so verflacht oder gar zerrüttet hat, daß den Kindern nur eine Wohltat geschieht, wenn sie frühzeitig in die reine Atmosphäre eines gut geleiteten Alumnats verpflanzt werden. In zahllosen andern Fällen ist der Vater durch seine Berufsarbeit den ganzen Tag so angestrengt beschäftigt, daß die Jungen ihn die Woche über kaum zu Gesicht bekommen, jede planmäßige erzieherische Einwirkung aber vollends aufhört. Anderwärts wieder nimmt das in manchen Kreisen maßlos übertriebene gesellschaftliche Leben die Eltern so in Anspruch, daß sie für ihre Kinder kaum vorhanden sind. Und schließlich wird man auch be- haupten dürfen, daß in der heutigen Großstadt vielfach selbst ernstgesinnte und gewissenhafte Eltern die heranwachsenden Jungen in ihren Freistunden vor den Verlockungen des modernen Lebens so wenig zu behüten in der Lage sind, daß es entschieden besser ist, sie in einer länd- lichen Erziehungsanstalt unterzubringen.
Alle diese Verhältnisse stellen das deutsche Erziehungswesen vor neue und schwierige Auf- gaben, und darum müssen wir auf diesem hochwichtigen Gebiet mit dem bisherigen bequemen Schlendrian endlich brechen und überall im Anschluß an höhere Lehranstalten Schülerheime gründen, die sich gewiß unter günstigen Verhältnissen vielfach zu den oben geschilderten großen Erziehungsanstalten auswachsen können. Dadurch werden die Einzelpensionen in gebildeten Familien gewiß nicht verdrängt werden, und das wäre auch ganz und gar nicht zu wünschen.
1) Vgl. meine Schrift: Die Gefahren der Einheitsschule, Giessen 1907, S. 140.
2) A. a. O. S. 67.
3) Vgl. dazu Dr. H. Morsch. Das höhere Lehramt.
4) Zukunftspädagogik S. 184. Vgl. dazu auch Niemeyer a. a. O.§ 121. Lietz a. a. O. S. 290.
Abnahme der geeigneten Privat- pensionen.
Steigender Be- darf nach Pensionen.
Notwendigkeit neuer Wege.


