Notwendigkeit
der Errichtung neuer Alumnate.
Bedeutung des „Elternhauses.
Nötigung zum Verlassen des Elternhauses.
Mängel der Privat- pensionen.
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der eignen Lebensweisheit habe niederlegen wollen. Ganz gewiß hat jener Ausspruch nur eine sehr bedingte Giltigkeit, und zum mindesten die Grundlagen des Charakters müssen nicht im Strom der Welt, sondern in der Stille einer reingestimmten Lebenssphäre gelegt werden. Gegen- über den tausend Reizen und Verlockungen der modernen Großstädte gibt es nur eine Be-
tätigung pädagogischer Weisheit: daß man nämlich durch äußeren Zwang der schwachen inneren
Widerstandskraft der heranwachsenden Knaben entgegen kommt, die Verlockungen zum Bösen ihren Blicken entzieht und sie in reiner Luft erst geistig und sittlich erstarken läßt, ehe man sie den schweren Kampf mit den Versuchungen des Lebens aufnehmen läßt. ¹)
Wir haben die Vorzüge wie die Nachteile der Alumnatserziehung nach allen Seiten über- blickt und haben erkannt, daß jene weit überwiegen, zumal die Mängel in der Hauptsache durch eine zeitgemäße Umgestaltung der Einrichtung beseitigt werden können. Und darum sind wir überzeugt, daß es eine große und zukunftsreiche Aufgabe ist, über das ganze Land hin eine beträchtliche Anzahl von Alumnaten neu zu errichten.
Es ist für unsre Frage ganz belanglos, wenn demgegenüber betont wird, daß Vater und Mutter bei gesunden Verhältnissen die berufensten Erzieher ihrer Kinder sind, und daß die liebende Fürsorge der Eltern durch keine andre Einrichtung ersetzt werden kann. Es fällt keinem Verteidiger der Alumnate ein, diese Wahrheit zu bestreiten. Auch wir wissen, daß die frühzeitige Aufhebung des natürlichsten Lebenszusammenhanges, das Fehlen der angeborenen Liebe, welche die Familienglieder miteinander verbindet, vor allem das Fehlen des unendlichen Segens der Mutterliebe eine empfindliche Einbuße für die Entwicklung des jugendlichen Gemütes bedeutet. 2²) Wir denken gar nicht daran, nach dem Beispiel der Engländer und Franzosen die gesamte Jugend der höheren Schulen oder auch nur den größten Teil derselben in Alumnaten unterzubringen. Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß auch fernerhin der überwiegenden Mehr- zahl unsrer Knaben der Segen eines gesunden Familienlebens erhalten bleibt, in dem sie unter den Sonnenstrahlen der Elternliebe froh heranwachsen können. Aber wir vergessen darüber nicht, daß schon bisher zahllose Knaben in jungen Jahren aus dem Boden des Elternhauses verpflanzt werden mußten, und wir täuschen uns auch nicht über die Notwendigkeit, daß durch die Ent- wicklung der modernen Lebensverhältnisse die Zahl dieser Knaben in Zukunft noch bedeutend zunehmen wird. Und angesichts dieser ernsten Tatsache wünschen und verlangen wir, daß man endlich in Deutschland anfange, wichtige Erziehungsfragen auch mit der nötigen Sorgfalt zu behandeln. Dazu gehört aber vor allem die Fürsorge für diejenigen Schüler unsrer höheren Lehranstalten, die schon in jungen Jahren dem Schoße ihrer eignen Familie entrissen werden müssen. Und gewiß ist das harte Urteil Borbeins völlig verdient, daß wohl in keinem andern großen Kulturvolke die Unterbringung auswärtiger Schüler mit solcher Sorglosigkeit behandelt werde wie bei uns. ³) Es entspricht das ganz unsrer bequemen und lässigen Art, selbst in Fragen von entscheidender Bedeutung für die Allgemeinheit die Dinge gehen zu lassen, wie sie eben wollen.
Die Zahl der Familien, die in Orten ohne höhere Lehranstalten wohnen und ihre Söhne früh aus dem Haus geben müssen, war von jeher sehr groß; so machten diese nicht bei ihren Eltern wohnenden Schüler 1893 in Preußen fast ein Fünftel der Gesamtzahl, 32 000 von 170 000 aus. Und doch hat man es in dem größten Teil Deutschlands bisher jenen Familien völlig überlassen, sich in dieser schwierigen Lage zu helfen, so gut sie können. Wenn die Eltern am Ort der Schule Verwandte oder Freunde haben, denen sie die Kinder mit gutem Gewissen an- vertrauen können, liegt die Sache noch sehr günstig. In den meisten Fällen ist es aber doch mehr oder weniger dem Zufall überlassen, wie weit die Pensionäre in ihrem neuen Heim die für ihr körperliches und seelisches Wohl förderlichen Bedingungen vorfinden. Wohlhabende Familien sind bisher im allgemeinen meist noch in der Lage gewesen, ihre Söhne in gebildeten Häusern gut unterzubringen, obwohl auch in diesen die Jungen keineswegs immer vor Berührung mit dem Schlechten geschützt und in ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung wirklich gefördert werden.
1) Menge a a. O. S. 100. Erler a. a. O. S. 94. Lietz, Reins Encykl. Handbuch V, S. 292. 2) Niemeyer a. a. O.§ 184. W. Münch, Geist des Lehramts. S. 265. Menge a. a. O. S. 98. 3) A. a. O. S. 66.


