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In den auf diese Weise familienhaft umgestalteten Alumnaten kann sich nun wirklich eine auf UÜbereinstimmung der gesamten Gemüts- und Geistesrichtung beruhende innerliche Lebens- gemeinschaft aller Hausgenossen entwickeln, die das ganze Dasein der Zöglinge umfängt und trägt und auf alle ihre seelischen Regungen wohltütig und richtunggebend einwirkt. Der Lebens- odem dieser Schülerheime ist die sittlich-religiöse Gesinnung, ohne die weder eine wahrhafte Erziehung noch überhaupt ein wahres inneres Gemeinschaftsleben möglich ist. So ist man denn auch in allen unsern deutschen, wie übrigens auch den englischen, Alumnaten bestrebt, das ganze Leben mit dem Geist schlichter Frömmigkeit zu durchdringen, wie sich dies auch in Tisch- gebeten und gemeinsamen Andachten ausspricht. Weil aber gerade dies ohne Zweifel bei manchem Mißtrauen erregen wird, will ich nicht unterlassen hervorzuheben, daß die bereits bestehenden Alumnate nach meinen Beobachtungen und nach allen sonstigen Zeugnissen von kirchlicher und konfessioneller Engherzigkeit ebenso frei sind wie von pietistischer Kopfhängerei, daß vielmehr allenthalben ein frischer und fröhlicher Geist in ihnen herrscht. Und je weniger auf diesem Gebiet, namentlich den älteren Schülern gegenüber, äußerer Zwang geübt wird, desto erfreulicher sind gewiß die Erfolge.¹!) Wo dann vollends das Einzelheim, wie dies in Godesberg der Fall ist, nur ein Glied eines aus den gleichen Grundanschauungen erwachsenen Gesamtorganismus ist, wo die Schüler sich als Angehörige einer großen Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen fühlen und bei den allgemeinen Festen der ganzen Anstalt das starke Wehen des gleichen Geistes empfinden, der ihnen aus dem eignen Heim vertraut ist, da sind die günstigsten Bedingungen für die Entwicklung ungebrochener, in sich gefestigter und starker Persönlichkeiten gegeben.
Ein ganz unleugbarer Vorteil für die Erreichung dieses Zweckes liegt aber auch in der verhältnismäßig großen Abgeschlossenheit der Alumnen von dem modernen, namentlich städtischen, Leben mit seinen zahlreichen Reizen und Genüssen. Es ist sicher ganz verkehrt, wenn man es beklagt, daß das Internat eine Mauer zwischen seinen Schülern und der Außenwelt baue, durch die sie in weltfremder Unbekanntschaft mit den vielgestaltigen Erscheinungen des modernen Lebens gehalten würden. Das mag in früheren Zeiten zutreffend gewesen sein, als die alten Internate noch in völlig klösterlicher Abgeschlossenheit lagen. Heute dagegen ist man selbst in den Fürsten- und Klosterschulen von dieser Ubertreibung schon lange abgekommen. Abgesehen davon, daß die Zöglinge auch in ihnen schon längst die Ferien zu Hause verbringen, haben sie überall freie Ausgangsstunden, gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge, Gelegenheit zu Besuchen bei benachbarten Familien, zum Schlittschuhlaufen, vielfach auch zum Besuch von Theater und Konzerten, und hier wie bei den Festlichkeiten der Anstalt gewährt man den älteren Zöglingen auch die Möglichkeit zum Verkehr mit dem anderen Geschlecht. So werden bei den verschiedenen herkömmlichen Festen in Schulpforta dramatische Aufführungen, Spiel und Tanz veranstaltet, wozu die Primaner die jungen Damen der ihnen befreundeten Familien in der Umgegend einladen dürfen, und dann entfaltet sich auf den Rasenflächen des Parkes und im Wald des Knabenberges ein buntes und fröhliches Leben. Noch mehr ist man in den neuen Familienalumnaten, an die wir ja in erster Linie denken, in der Lage und meist auch darauf bedacht, namentlich den älteren Schülern jedes vernünftige Maß von Bewegungs- freiheit zu gewähren und sich auch hierin das von ernstem Geiste erfüllte und seiner Pflicht bewußte Elternhaus zum Vorbild zu nehmen. Was aber über dieses Maß hinaus die Zöglinge unsrer großstädtischen Schulen vom modernen Leben kennen lernen, das ist größtenteils vom UÜbel und kann nur dazu dienen, die jugendlichen Gemüter zu verwirren und das Werk der Erziehung zu vernichten. Es ist mir unbegreiflich, wie gelegentlich selbst von püdagogischer Seite behauptet werden kann, das Internat behüte oft zu sehr, und eine Behütung vor der Gefahr bürge noch lange nicht für ein Bestehen derselben. ²) Wer so spricht, hat gewiß keine Ahnung von den Gefahren, die in unsern heutigen großen Städten der Jugend der oberen Klassen auf Schritt und Tritt drohen, und von den betrübenden Zuständen, die in sittlicher Hinsicht gar nicht ganz vereinzelt wirklich herrschen. Da soll dann aber über solche unerfreuliche Tatsachen immer Goethes Ausspruch hinweg trösten, daß ein Charakter sich im Strom der Welt bilde, gerade als ob der Dichter in diesen Worten, die er seiner Leonore in den Mund legt, die Quintessenz
1) Ebenso urteilt Borbein a. a. O. S. 72 und 78. Vgl. auch Liets, Reins Encykl. Handbuch V, S. 293 f. 2) Dr. Friedrich a. a. O. S. 80.
Bedeutung gemeinsamer Lebensan- schauung.
Bewahrung vor der Aussenwelt.
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