Notwendigkeit familienhafter Gestaltung des Alumnats- lebens.
Grundzüge der künftigen Alumnatsein- richtungen.
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vor dem Eintritt des Knaben ins Internat gelegt sein müßten, und daß sie dann wohl für einige
Zeit zurückgedrüngt, aber nimmermehr vernichtet werden könnten. Auch sei ja der Junge von der Familie nur äußerlich und zeitweilig getrennt, und in den Ferien kehre er immer wieder zu den Seinen zurück. ¹) Aber weder dies alles noch gelegentliche Besuche und Einladungen bei verwandten und bekannten Familien vermögen einen genügenden Ersatz für den sittigenden Einfluß einer gesunden deutschen Häuslichkeit zu bieten. Die Folgen dieses Mangels werden auch von Freunden der Internate anerkannt und zeigen sich schon äußerlich in gewissen häufig beobachteten Eigentümlichkeiten der Zöglinge, wie dem Fehlen der feineren Sitte im Verkehr und der Zartheit des Empfindens, an deren Stelle leicht eine gewisse Derbheit des Tones und der Lebensformen tritt, die sinnigeren und gemütvolleren Naturen unter Umständen den Aufent- halt in der Anstalt zur Qual machen kann. Wenn man aber auch diese mehr äußerlichen Mißstände nicht allzuschwer nimmt, muß man doch die Möglichkeit zugeben, daß manche der edelsten Keime des jugendlichen Gemütes im Internat nicht zur Entfaltung gelangen, weil eben die inneren Kräfte des Familienlebens fehlen.
Dieser Nachteil der Internatserziehung macht sich nach zwei Seiten hin geltend. Einmal können, wie gesagt, in den großen Internaten die Erzieher den Zöglingen häufig nur schwer innerlich beikommen, weil sie die festgeschlossene Gesamtheit des Schülerstaates sich gegenüber haben. Noch weit wichtiger aber ist es, daß in diesen Anstalten der erzieherische und ver- edelnde Einfluß der Frauen, der Mütter und Schwestern, völlig wegfällt. ²)
Sollen wir uns also am Ende doch trotz aller Lichtseiten der Alumnatserziehung damit begnügen, die paar alten, historisch gewordenen Internate bestehen zu lassen, und sollen wir von Neugründungen trotz alledem ganz absehen? Zum Glück ist, wie ich oben gezeigt habe, der Ausweg aus dieser Schwierigkeit längst gefunden. Die Alumnate der Zukunft müssen die Vorzüge des Internatslebens mit denen des Familienlebens verbinden. ³) Der Schülerstaat muß aufgelöst werden in einzelne Gruppen, und anstelle des anstaltsmäßig eingerichteten Internates müssen einzelne Familienhäuser treten, deren Zahl beim Anwachsen der Gesamtanstalt vermehrt wird, und von denen jedes einzelne in der Ausgestaltung seines eigenartigen Wesens und Lebens möglichst wenig eingeschränkt werden darf. Daß man auf diesem Prinzip selbst das größte Internat aufbauen kann, das hat eben das Beispiel des Evangelischen Pädagogiums in Godesberg bewiesen, und darauf beruht die außerordentliche Bedeutung, welche die Schöpfung des Rektors Kühne für die Entwicklung des deutschen Alumnatswesens beanspruchen kann.
Demnach denken wir uns eine derartige Erziehungsanstalt größeren Stils als eine Gruppe von mehreren, möglichst gefällig und zugleich individuell verschieden gebauten, von Gärten und Spielplätzen umgebenen Familienhäusern, deren keines mehr als 15 bis 20 Zöglinge aufzunehmen hat. In jedem liegt die Leitung entweder in den Händen eines dafür geeigneten Ehepaares oder eines unverheirateten Inspektors und einer gebildeten älteren Hausdame, denen je nach der Zahl der Knaben ein oder mehrere Adjunkten zur Seite stehen können. Daß diese Aufgabe die höchsten Anforderungen an den erzieherischen Takt und die Berufsfreudigkeit der Leiter stellt, und daß von der Wahl der richtigen Personen das ganze Gedeihen der Anstalt abhängt, ist selbstverständlich. Denn der Hausvater soll nicht nur die gesamte Hausordnung aufrecht halten und die wissenschaftliche Arbeit leiten, die Hausdame nicht nur dem Haushalt vorstehen und für das körperliche Wohl und die Gesundheit der Knaben sorgen, sondern sie sollen ihnen, so- weit dies möglich ist, überhaupt den Vater und die Mutter ersetzen, sie in feiner gesellschaft- licher Sitte erziehen und vor allem Herz und Gemüt bilden. Besonders in den Abendstunden kann und soll sich da ein anheimelndes und trauliches Familienleben entfalten.„Nach dem Abendessen“, sagt Dr. Borbein,„vereinigt sich die Hausgenossenschaft gern zu allerlei ernster und kurzweiliger Unterhaltung, und nichts verleiht dem Knabenheim wohl so den Charakter einer wirklichen Familie als dies trauliche Zusammensein im Wohnzimmer des Hauses.*⁴)
1) Dietsch a. a. O. S. 77.“ Erler a. a. O. S. 94.
2) Vgl. schon Niemeyer a. a. O.§ 121. Schleiermacher a. a. O. S. 344.
3) Als idealisch bezeichnet diese Verbindung von Internat mit Familienleben schon der alte Nemeyer a. a. O.§ 123.
4) Dr. Borbein, Monatsschrift VY, 81, dessen Ausführungen über diese Frage ich nach jeder Richtung hin zustimme.


