Aufsatz 
Die Bedeutung der Gymnasial-Alumnate für die Entwicklung unseres höheren Schulwesens
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körperlichen Fertigkeiten und Spielen, und durch alles dies entsteht unter ihnen ein echt kameradschaftlicher Geist, der ihr ganzes Leben und Treiben sonnig und heiter macht. ¹) Wo ein Alumnat nicht ganz unvernünftig geleitet ist, muß in seinen Räumen jugendlicher Frohsinn herrschen. Nach Spielgenossen und Kameraden braucht man in den Freistunden nicht lange zu suchen, sie sind stets zur Hand, und jeder trägt etwas zur Unterhaltung und Belustigung bei, jeder bringt etwas Eigentümliches aus der Heimat mit oder weiß erfinderisch etwas Neues anzugeben. Wo gesellt sich sonst so leicht eine Schar gleichaltriger Genossen zu fröhlichem Spiel zusammen? In größeren Internaten gewähren musikalische oder turnerische Vereine der Zöglinge mit ihren UÜbungen und Festen die Möglichkeit sich aneinander anzuschließen und die Gelegenheit zu besonderem Vergnügen. Und unter der großen Zahl der Kameraden findet fast jeder einen oder den andern, zu dem ihn sein Herz besonders hinzieht und mit dem ihn bald eine echte und warme Freundschaft verbindet. Nichts ist aber mehr geeignet, über das Leben des Knaben oder Jünglings den Schimmer goldner Poesie auszugießen und zugleich sein Herz allem Edlen zu öffnen. Sicherlich ist das Alumnatsleben ein besonders guter Nährboden für solche Jugendfreundschaft, und Beispiele der innigsten und unverbrüchlichsten Freundschaften, die auf Alumnaten geschlossen wurden, gibt es in Menge. Wie beneidenswert sind Knaben, die in solcher Umgebung frisch und fröhlich aufwachsen, gegenüber den heute gerade in den höheren Stüänden so zahlreichen Jungen, die in den engen Wänden einer städtischen Wohnung ohne Brüder und Gespielen aufwachsen, von Kind an hauptsächlich auf den Umgang mit Er- wachsenen angewiesen sind und die goldne Jugendzeit kaum anders als aus Büchern kennen lernen!

Schließlich können aber auch die Erzieher in den Internaten ihren Zöglingen menschlich viel näher treten und weit stärker auf sie einwirken, als dies in den offenen Unterrichtsanstalten möglich ist. ²) Man sagt ja wohl gelegentlich, daß der in solchen Anstalten herrschende Kor- porationsgeist die Jugend gegen die Erzieher gerade verschlossen mache, ja einen Kriegszustand herbeiführe, in dem List, Lüge und Verstellung bei den Schülern als erlaubt, ja als lobenswert gelte. Welche Rolle diese Dinge in unserm gesamten Schulwesen spielen, ist zur Genüge bekannt; daß aber gerade in dem Alumnatsleben von einem Kriegszustand etwas zu bemerken sei, wird von Kennern durchaus in Abrede gestellt; ³) und in der Tat ist ein solcher doch nur dann denkbar, wenn einem Erzieher die Liebe mangelt, so daß die Jungen in ihm bloß den Aufseher und nicht den Freund sehen. Daß die Erzieher Verständnis und Liebe für die Jugend und innere Freude an ihrer Tätigkeit haben, ist allerdings Voraussetzung für den Erfolg der gesamten Alumnatserziehung. Wer im täglichen Umgang mit der Jugend nicht mit ihr wieder jung zu werden vermag, wer da nicht mit ihr zu fühlen und sich mit seiner ganzen Person ihr hinzu- geben imstande ist, der gehört freilich nicht in ein Alumnat, der hat aber auch überhaupt als Erzieher seinen Beruf verfehlt. Selbst auf den großen Internaten entwickelt sich zwischen Lehrern und Schülern oft ein Zustand gegenseitigen Vertrauens, und namentlich der Tutor wird den seiner besonderen Obhut empfohlenen Zöglingen oft ein Berater und Freund bis in ihre Studienjahre hinein, ja wohl fürs ganze Leben. Und doch muß zugegeben werden, daß in den alten Internaten durch die große Zahl der Insassen die Bildung eines solchen Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrern und Schülern ohne Zweifel erschwert wird. Um so enger kann sich die Be- ziehung der Zöglinge zu dem Erzieher in den kleineren Familienalumnaten gestalten. Wenn in ihnen der rechte Mann an der Spitze steht, kann er seinen Pflegebefohlenen wirklich in allen Dingen ein väterlicher Freund sein.

Das führt uns auf den Hauptnachteil der großen alten Internate. Es fehlt ihnen das, was die zartesten und edelsten Regungen der kindlichen Seele erst zur Entfaltung bringt: der Sonnenschein des Familienlebens. Trotz allem, was wir zu Gunsten jener Anstalten angeführt haben, stimmen wir im Innersten dem Satze Go zu:Es ist eine dem deutschen Gefühl besonders entsprechende Tatsache, daß die Familie immer und überall als dasjenige Verhältnis erscheint, welches die Erziehung wünschen und fordern müßte, wenn es nicht schon nach Gottes Ordnung bestände. Man hat wohl gesagt, daß die Grundlagen der Familienerziehung schon

1) Auf diesen Punkt wies schon Schleiermacher hin, Erziehungslehre S. 345. 2) So auch Münch, Geist des Lehramts S. 265. 3) Menge a. a. O. S. 99.

Verhältnis zwischen Er- ziehern und

Zöglingen.

Fehlen des Familien- lebens in den Internaten alter Art.