Aufsatz 
Die Bedeutung der Gymnasial-Alumnate für die Entwicklung unseres höheren Schulwesens
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Bedeutung der Lebensgemein- schaft.

Selbst- ziehung der Schüler.

Sittliche Gefahren.

Erzieherische Wirkung des Zusammen- lebens.

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Geistesrichtung des Menschen ausübt. Den neugegründeten Alumnaten fehlt nun freilich der Zauber der Vergangenheit. Aber im übrigen vermögen auch sie mehr als die Familien dafür zu sorgen, daß die Zöglinge in ihrer Umgebung nur schöne, würdige und reine Eindrücke empfangen. Die Gebäude liegen durchweg in Grün gebettet, vielfach vor den Toren der Stadt, zuweilen selbst eines Spazierwegs Weite von dieser entfernt, von oft sehr schönen Gärten mit Turn- und Spielplätzen umgeben. Einen außerordentlich reizvollen Aufenthalt gewähren die etwa 25 Villen des Godesberger Evangelischen Pädagogiums inmitten ihrer grünen Gärten, wo denn freilich auch die Pracht der paradiesisch schönen Rheinlandschaft zu den Füßen des malerischen Siebengebirges ihre volle Wirkung ausübt. Auch der Begründer der Landerziehungs- heime, Dr. Lietæ, weiß die Wichtigkeit der äußeren Stätte der Jugendbildung in vollem Umfang zu würdigen.

Noch wichtiger aber ist es, daß sich in den Internaten eine wirkliche Lebensgemeinschaft der Zöglinge untereinander und mit ihren Erziehern entwickeln kann, wie dies in unsern öffent- lichen Schulen gar nicht möglich ist. Denn nur in jenen findet ein vollständiges Zusammenleben in Arbeit und Erholung statt, und nur bei einem solchen kann die Einwirkung des Menschen auf den Menschen ihre volle Kraft entfalten.

Ein wichtiger Träger dieser Beeinflussung ist die Gesamtheit der Schüler selbst. Man weiß, daß in England dieser Faktor geradezu als der wichtigste für die Erziehung gilt. Unsern Glauben an die erziehliche Wirkung des bloßen Unterrichts haben sich die praktischen Engländer niemals angeeignet. Ihnen kommt es in erster Linie auf die Bildung des Charakters an, und dafür erwartet man am meisten von der Selbsterziehung der Gesamtheit der Schüler in einem geregelten und tätigen Gemeinschaftsleben. Und daß sie auf diesem Weg viel erreichen, wird von allen Kennern der englischen Verbältnisse, vielfach mit lebhafter Bewunderung, zugestanden. Es herrscht unter der Jugend der dortigen Schulen ein tüchtiger, gesunder Geist, den man möglichst frei gewähren läßt und fördert, und der auch in den leitenden Kreisen der Nation einen kräftigen und tüchtigen Gemeinschaftsgeist hervorbringt. ¹)

Schon durch dieses Beispiel Englands wird die Besorgnis widerlegt, daß bei dem täglichen engen Beisammensein vieler Jungen in den Internaten eine größere sittliche Gefährdung herbei- geführt werden müsse als in der Familie. Vor Berührung mit verdorbenen Elementen sind die Knaben in unsern öffentlichen Schulen nirgends sicher, und weder die Familie noch erst recht die Privatpension vermag sie davor völlig zu bewahren. Nun sagt man zwar nicht mit Unrecht, bei dem täglichen Zusammenleben vieler Knaben sei auch auf sittlichem Gebiet die Gefahr der Ansteckung besonders groß, zumal der Korporationsgeist viele nötige, das Verbotene mitzumachen oder wenigstens zu verheimlichen. Aber eben diese Gefahr bringt ganz von selbst die notwendige Abhilfe mit sich. Denn erstens wird jedes Alumnat in der Aufnahme der Zöglinge ganz be- sonders vorsichtig sein und Jungen, von denen ein schlimmer Einfluß zu befürchten ist, rücksichtslos zurückweisen oder, wenn doch einmal einer hereingekommen ist, baldigst wieder entfernen, weil eben einfach die Existenz des Ganzen davon abhängt; und zweitens hat man dort die Möglichkeit, die Schüler stétiger und sorgfältiger zu überwachen, als dies in den Familien meist der Fall ist. Wenn also die Leiter des Alumnates irgend ihre Schuldigkeit tun, sind dessen Zöglinge in dem Kreise, in dem sich ihr Leben hauptsächlich abspielt, weniger gefährdet als die in Familien wohnenden Schüler. Das stete Zusammensein in einer großen Gemeinschaft hält doch auch manche Verirrungen fern, und je mehr sich das gesamte Leben der Jugend in der Offentlichkeit abspielt, desto zuversichtlicher darf man darauf bauen, daß es von einem gesunden Geist be- herrscht wird. Denn die Verführung schleicht am liebsten im Finstern. ²)

Wenn aber das Internat diese Gefahren zu verhüten weiß, kann der ständige Verkehr mit einer Schar von Altersgenossen in hohem Maß erzieherisch wirken. Die Knaben lernen sich ineinander finden, sich gegen Neckereien und Spott wehren, aber auch Unverträglichkeit, Recht- haberei, Eigennutz, Neid, Schadenfreude ablegen oder wenigstens unterdrücken. Das enge Zusammenleben der Zöglinge übt einen starken Anreiz zu einem edlen Wetteifer vor allem in

1) Wilhelm Münch, Zukunftspädagogik S. 182.. 2) Niemeyer a. a. O.§ 121. Schleiermacher, Erziehungslehre herausg. v. Platz, S. 345. Dietsch a. a. O. S. 84. R. Menge a. a. O. S. 99 Bösser a. a. O. S. 67. Friedrich a. a. O. S. 79. Erler a. a. O. S. 96 f. Borbein a. a. O. S. 79.