Aufsatz 
Die Bedeutung der Gymnasial-Alumnate für die Entwicklung unseres höheren Schulwesens
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ausgedehnte grüne playgrounds u. s. w., die in den Freistunden durch das fröhliche Spiel der Knaben und Jünglinge höchst anmutig belebt sind.¹) Dazu kommen die großen Erinnerungen. Die Knaben wissen es, sagt derselbe Schriftsteller,und haben etwas daran, daß sie in den- selben Räumen leben, wie so viele Männer vor ihnen, auf die das Vaterland stolz ist. Diesen Erinnerungen kommen äußere Zeichen zu Hilfe; so machte mich ein Westminster-boy auf Drydens tief in eine Bank geschnittenen Namen aufmerksam; so zeigt man in Harrow Byrons Ulme, und sein Name steht im großen Hörsaal an der Wand, unter vielen anderen leicht bemerklich, so wie seines Schulgenossen Peel Name ebendaselbst unweit des Katheders des Headmaster, so in Eton der Name Richard Porsons, der des berühmten Lord Wellesley, und seines Bruders, des Herzogs von Wellington.¹²) Mit Recht hebt Wiese hervor, daß durch alles dies eine große Pietät gegen die in der Jugend besuchten Schulen erzeugt werde, und er erzählt, daß Lord Welleslen; zeitlebens eine solche Anhänglichkeit am Eton bewahrte, daß er an keinem andern Ort begraben zu werden wünschte, was denn auch geschehen ist.

So schön wie die Engländer können wir Deutschen es der heranwachsenden Jugend im allgemeinen nicht machen. Und doch lassen sich unsre altehrwürdigen Internate zum Teil mit den englischen Schwesteranstalten vergleichen. Sie vereinigen mit der stimmungsvollen Romantik mittelalterlicher Klosteranlagen große, freundliche, gut eingerichtete Wohn- und Schlafräume und sind von großen parkartigen Gärten umgeben. Vorab die sächsischen Fürstenschulen. Wie herrlich ist der von Altafranern gestiftete, auf luftiger Höhe gelegene, ausgedehnte Schul- garten zu Meißen, wie traulich zu Grimma der Park an der Mulde mit seinem schattigen Akazien- hain und den hohen Lindenbäumen, wie romantisch und entzückend der Garten zu Pforta im Saaletal! Da gefährdet keine staubige Straße die Gesundheit der Jugend, da stört kein Wagen- verkehr ihre Spiele; ringsherum poesievolle Stille und stimmungsreiche Natur. ³) Die Perle unter diesen Anstalten ist jedenfalls Schulpforta, in völliger klösterlicher Einsamkeit eine Stunde von Naumburg dicht am Ufer der Saale und am Fuß des bewaldeten Knabenberges gelegen.4) Die Schul- und Wohngebäude mit der alten romanischen Klosterkirche sind von einem parkartigen Garten mit den herrlichsten Bäumen umgeben, durch den ein Arm der Saale fließt und in dem die Klopstockquelle an den berühmten Pförtner erinnert, der an dieser Stelle seinen Messias begonnen haben soll. Der Garten enthält ferner Tennis- und andere Spiel- plätze sowie mehrere Kegelbahnen. Der alte Kreuzgarten steht ausschließlich den Primanern zur Verfügung. In den Gebäuden finden sich außer den Schulräumen, den Arbeitszimmern, den Schlaf- und Waschsälen auch ein Rauch- und Lesezimmer. Vor allem schön sind das Cenakel, d. h. der Speisesaal, der mit kunstvollen Gobelins und Gemälden geschmüht ist, und die Aula mit ihren gotischen Fenstern, in der die Morgen- und Abendandacht stattfindet. Über ihrem Rednerpult steht der lateinische Vers, der vor jedem Mittag- und Abendessen vom ganzen Coetus nach der alten Mönchsmelodie gesungen wird:

Gloria tibi, Trinitas, Aequalis una Deitas,

Et ante omne saeculum Et nunc et in perpetuum.

Wie sehr durch eine solche Umgebuug die jugendlichen Gemüter auf das Schöne und Gute hingelenkt werden, ist ohne weiteres klar. Die württembergischen Klosterschulen sind in ihren inneren Räumen sehr einfach ausgestattet, aber auch sie sind von dem vollen Zauber mittelalterlicher Romantik und landschaftlicher Schönheit umgeben, und wie tief die träumerische Poesie ihrer alten Kreuzgänge und Klostergärten auf junge Herzen zu wirken vermag, kann man z. B. in Justinus KernersBilderbuch aus meiner Knabenzeit nachlesen. Wer sich in die Werke der schwäbischen Dichter vertieft und dann gelegentlich einen Blick in eine württembergische Klosterschule zu tun Gelegenheit hat, der kann es mit Händen greifen, welch unermeßlichen Einfluß schon allein die Stätte des Jugendlebens mit ihrer ganzen Stimmung auf die gesamte

1) Wiese, Deutsche Briefe über englische Erziehung. I, 20.

2) Wiese a. a. O. I, 125.

3) Dr. Erler a. a. O. S. 97.

4) Zum Folgenden vrgl. Dr. W. Nestle in dem oben angeführten Artikel.