Aufsatz 
Die Bedeutung der Gymnasial-Alumnate für die Entwicklung unseres höheren Schulwesens
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nur schwer zustande kommen kann? Wiederum rufen wir den gleichen Altmeister der Er- ziehungskunst als Zeugen dafür herbei, daß es selbst für den Erwachsenen und erst recht für den Knaben und Jüngling in der Großstadt unendlich schwer ist, über dem ewigen Wechsel des Lebens und der Hast des Tuns die Ruhe zu bewahren, die zur Bildung echter und klarer Empfindung nötig ist, und daß solche echte und klare Empfindung die einzige Quelle für die Gesinnung und die Charakterbildung ist. ¹) Deshalb ist es eine der schwersten, aber auch wichtigsten Aufgaben, die dem deutschen Erziehungswesen im 20. Jahrhundert gestellt sind, daß wir Mittel und Wege ausfindig machen, um unsre Schulen aus dem Getriebe der Großstadt wieder in größerer Zahl in die reine und gesunde luft des Landes zu verlegen. Das ist das Ziel, das wir im Auge behalten müssen, wenn wir auch einstweilen damit zufrieden sein müssen, wenigstens den bestehenden und in ihrer Existenz gefährdeten ländlichen Anstalten neue Lebenskräfte zu erwecken. ²) Etwas Durchgreifendes kann aber nach dieser Richtung weder von den Schulverwaltungen noch von anderer Seite unternommen werden, solange nicht in den kleinen Gymnasialstädten ausreichende Pensionen geschaffen werden. Und da stimme ich völlig der Ansicht des Direktors Dr. Borbein zu, daß es kein sichreres Mittel gibt, um einer höheren Lehranstalt zu einer gesundeu äußeren und inneren Blüte zu verhelfen, als die Errichtung eines Alumnates, die zugleich allemal ein wenn auch noch so kleiner Schritt zur Lösung einer hoch- bedeutsamen Zukuftsaufgabe ist. ³)

Indem aber wir Lehrer neue Aufgaben mit klarem Blick ins Auge fassen, werden wir selbst den größten Segen davon haben. Wir werden erkennen, wie weit wir noch von einer planvoll durchgeführten nationalen Erziehung der deutschen Jugend entfernt sind, und es wird uns der Ernst und die Größe dieser Aufgabe eindringlich vor die Seele treten. Und das mag uns vor allem dazu helfen, über die aus dem 19. Jahrhundert ererbte einseitige Schätzung des Lehr- inhaltes und der Lehrformen hinauszukommen und wieder ein lebendigeres Verständnis und größere Freudigkeit für die persönliche erzieherische Einwirkung zu gewinnen.

Einer unsrer klarblickendsten pädagogischen Schriftsteller, Rudolf Lehmann, hat es einmal gegenüber den oft gehörten Klagen, daß es der heutigen Jugend an Idealismus fehle, als den Hauptmangel unsrer Zeit bezeichnet, daß wir keine Erzieher im vollen und hohen Sinne des Wortes hätten. Denn wo sollten wir die Erzieher suchen? fragt er. Die Familienväter sind es nicht: im atemlosen Drängen und Jagen des Erwerblebens finden sie kaum je eine Stunde zum Nachdenken über die höchsten Werte und Ziele der Erziehung. Aber auch unsre öffentlichen Lehrer sind es nicht: denn bei aller Pflichttreue fühlen und erweisen sie sich doch wesenlich als Lehrbeamte, die jede persönliche Berührung mit ihren Zöglingen eher meiden als suchen. Und er fügt hinzu, daß er in zahllosen Fällen beobachtet habe, wie die heranwachsenden Jünglinge, und gerade die kraftvollsten und edelsten Naturen am tiefsten, das innerliche Bedürfnis nach einem Erzieher empfinden, nach einem Mann, der sie versteht und zu leiten weiß, wie sie einem solchen Mann, in dem sie ihr Ideal erblicken, durch tiefe Hingabe danken, und wie umgekehrt die lebensvollsten Keime in ihrer Brust verdorren, wenn jenes Bedürfnis unbefriedigt bleibt. 4)

Ich glaube, wir alle, die wir als Eltern oder Lehrer die Verantwortung für die Entwicklung unserer Jugend tragen, haben Ursache, bei solchen Worten an unsre Brust zu schlagen und uns mitschuldig zu bekennen. Wenn aber etwas die Kraft besitzt, unsern deutschen Schulen aus

1) W. Münch, Anmerkungen zum Text des Lebens, 3. Aufl., S. 39. Vgl. über den Einfluss der Grogstadt auch Geist des Lehramts, S. 139... 1 2) Auf die Notwendigkeit der Erhaltung der kleinstädtischen Gymnasien habe ich schon in meinem Buche Das höhere Schulwesen Deutschlands am Anfang des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1904, S. 125 hingewiesen. In eingehender Weise hat. Gymnasialdirektor Dr. Lorentz in Friedeberg N. M. in der Monatschrift für höhere Schulen, 5. Jahrgang(1906), S. 11 22, die Vorzüge der Kleinstadt-Gymnasien dar- gelegt. Erfreulich ist es, dass auch die preussische Regierung auf dem gleichen Standtpunkt steht, was schon die Darlegungen des Vertreters des Finanzministers auf der Junikonferenz von 1900 bewiesen und insbesondere auch der verstorbene Ministerialdirektor Dr. Althoff lim Abgeordnetenhaus ausgesprochen hat. Vgl. Monat- schrift für höhere Schulen V, 233... 3) A. a. O. S. 81. Ganz die gleiche Anschauung äussert Dr. Lorentz a. a. O. S. 17. Dieselbe Ansicht habe ich schon in meiner Schrift Die Gefahren der Einheitsschule, Giessen 1907, S. 140, vertreten. 4) R. Lehmann, Erziehung und Erzieher. Berlin 1901, S. 127.

Mittel zur Hebung der ländlichen Anstalten.

Schluss- betrachtung.