Aufsatz 
Über Resonanzschwingungen gespannter Saiten / von Dr. Heinr. Karl Müller, Gymnasiallehrer
Entstehung
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vollständig erledigt, nachdem in der epochemachendenWellenlehre ¹²½) die Grundlagen gegeben waren. Eine schärfere Unterscheidung zwischen Eigen- und Resonanzschwingung ist nicht wohl möglich.

Die Resultate von Webers Kritik, welche sich unmittelbar auch auf Saiten übertragen lassen, scheinen den französischen und englischen Physikern entgangen zu sein. Bourget und Bernard ¹³) knüpfen in ihren Untersuchungen(Membranen) unvermittelt bei Savart an und suchen zu widerlegen, was schon widerlegt war. Mehr noch zu verwundern ist, dass selbst deutsche Akustiker ¹⁴) von Webers Arbeiten nur oberflächliche Notiz genommen haben.

Nach diesen Auseinandersetzungen wird meine Auffassung von Meldes Fadenschwingungen leicht in folgendem Satze zu verstehen sein:

Der Faden resonirt unter dem Einflusse des Erregers(Stimmgabel) und zeigt dabei eine Reihe der überraschendsten, zartesten Schwingungen, welche unter Umständen die täuschendste Ahnlichkeit mit Eigenschwingungen haben.

Jedem Akustiker sind die schönen Wellen bekannt, welche unter gewissen Bedingungen auf der Fadenstrecke auftreten; man möchte kaum zweifeln, dass es der Form nach die vollendetsten Eigenschwingungen einer Saite seien, und doch sind es in Wirklichkeit nur Resonanzbibrationen, welche aus der Unzahl von möglichen Schwingungsformen unter günstigen Bedingungen ausgeiwählt erscheinen. Solche, durchauswählende Resonanz erzeugte Formen decken sich fast vollständig mit Eigenschwingungen, und es ist Meldes Verdienst, dies experimentell nachgewiesen zu haben. Man würde aber sehr irren, wenn man den Faden ohne Wellen als ruhig ansehen wollte. Der genaue Beobachter wird alsbald wahrnehmen, dass auch in diesem Falle noch heftige Zuckungen die Fadenstrecke durchsetzen. Diese sind ebensogut Resonanzen als jene und erinnern zuweilen an das Phänomen derSchwebungen. Rayleigh erwähnt(I. Bd. S. 60) eine ähnliche Erscheinung bei einer resonirenden Stimmgabel, wo offenbar Resonanz- und Eigenschwingungen im Kampfe liegen.

Unsere Erscheinungen sind also mit demselben Rechte Resonanzen, als es die kräftigen Schwingungen einer Membran unter dem erregenden Einflusse einer tönenden Orgelpfeife, als es die Töne einer Labialpfeife durch das Reibungsgeräusch am Labium, als es die Vibrationen des Geigenbodens oder des Helmholtz'schen Resonators, als es endlich Kundts Wellen in Röhren und Luftplatten sind. Experiment und Theorie erscheinen in allen diesen Fällen wunderbar ähnlich, und wir werden sehen, dass die mathematische Analyse der Fadenresonanzen sich sehr der Theorie ¹⁵)

¹²) Wellenlehre auf Experimente gegründet. Von den Brüdern E. H. Weber u. W. Weber, 1825.

¹3) Sur les vibrations des membranes carrées. Ann. de Chim. et de Phys. 3. S. t. 60, Sér. 449, 1860.

¹4) Elsas, Untersuchungen über erzwungene Membranschwingungen. Habilitationsschrift, Marburg, 1882. Da ein genaueres Eingehen auf diese Schrift mich zu weit in das Gebiet der Membranschwingungen führen würde, so ge- denke ich bei anderer Gelegenheit darauf zurückzukommen. Soviel nur sei gesagt, dass die auf S. 9 u. 10 befindlichen Bemerkungen über die Geschichte der einschlägigen Untersuchungen Webers Schriften erwähnen, aber nicht würdigen. Dass bereits Fischer(Uber die Grundlehren der Akustik. Abh. d. Berliner Akad. d. Wissensch. 1824, Physik. Klasse, S. 85 ff.) eine ähnliche Auffassung wie Weber hatte, ist nicht unbekannt, der letztere verschaffte aber seinen Lehren erst die nötige Grundlage.

¹5) Bourget, Théorie mathématique des expériences acoustiques de Kundt. Ann. d. Phys. et d. Chim. 4. série, t. IX, p. 290. 1866.