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fion ernannt worden, welche die Bewerber um ſeine Stelle prüfen ſollte. Als er im Jahre 1868 zu ſeiner Erholung eine Reiſe in die Schweiz machte, wud er, Abends 6 Uhr in einem Gaſthofe in Luzern angekommen, ſchon während des Nachteſſens durch die Beſuche ehemaliger Schüler überraſcht. Bei ſeiner Zurückkunft von dem Rigi hatten ohne ſein Zuthun dieſe ehemaligen Schüler und ſeine Mitlehrer im Luzerner Tageblatt eine Einladung zu einem gemüthlichen Abend mit ihm ergehen laſſen, ein Beweis, daß man ihn dort ſelbſt nach 27 Jahren nicht vergeſſen hatte.
Mit reichen Kenntniſſen, praktiſchem Lehrgeſchicke und mannichfachen Erfahrungen ausgerüſtet, trat Sander in der Vollkraft des Mannesalters am 17. April 1841 ſeine neue Stelle als Director und erſter Lehrer an der Realſchule in Bingen an, welche damals durch die von vielen Seiten auf ſie einſtürmenden Anfeindungen einem Schiff⸗ lein glich, das, von den hochgehenden Wogen hin⸗ und hergeſchleudert, jeden Augenblick unterzugehen drohte. Sie zählte nur 48 Schüler, und ſchon triumphirten ihre Feinde und meinten, ſie zu Grabe tragen zu können, als ein mit der nöthigen geiſtigen Be⸗ gabung und ſtarkem Willen ausgerüſteter Steuermann das Ruder des ſchwankenden Schiffleins ergriff und es mit ſtarker Hand duich die ihm drohenden Stürme in den ſicheren Hafen lenkte. Es iſt das unbeſtreitbare Verdienſt Sanders und der wenigen aufgeklärten Freunde, welche die Realſchule damals nur hatte, dieſelbe vor dem Unter⸗ gange bewahrt zu haben. Dieſe Freunde waren es wohl auch, welche aus Wohlwollen und in Anerkennung der ſchweren Aufgabe Sanders die ihm ausgeſetzte geringe Beſol⸗ dung von fl. 800 dadurch einigermaßen aufzubeſſern ſuchten, daß ſie ihm die Miethe für ſeine Wohnung ohne ſein Vorwiſſen für ein Jahr vorausbezahlt hatten. Trotz der bis in die neueſte Zeit fortdauernden, anfangs ſelbſt von den einflußreichſten Perſön⸗ lichkeiten unterſtützten Anfeindungen der Anſtalt nahm die Frequenz derſelben unter der neuen Direction fortwährend zu. Beim Beginne des Schuljahres 184 ⁄3 wurde mit derſelben eine Vorbereitungsclaſſe verbunden, welche den Zweck hatte, den in die Real⸗ ſchule eintretenden Schülern eine entſprechende Vorbildung zu geben. Die 3 Claſſen zählten damals in 6 Abtheilungen 95 Schüler, welche Zahl in den fünfziger und ſechs⸗ ziger Jahren auf 139 ſtieg. Nach dem Kriege von 1866, als die allgemeine Wehr⸗ pflicht und mit ihr der einjährige, freiwillige Militärdienſt eingeführt wurde, war die Realſchule in Bingen eine der erſten, denen die Befugniß ertheilt wurde, Zeugniſſe zur Berechtigung für den einjährigen Dienſt auszuſtellen, wodurch natürlich deren Frequenz wie allenthalben, raſcher zunahm, ſo daß die Anſtalt im Schuljahre 1823⁄11² 260 Schü⸗ ler zählte. Im Jahre 1868 wurde die ſeitherige Vorſchule zu einer Realclaſſe umge⸗ ſtaltet, und überdies eine vierte Claſſe errichtet, wobei die Zahl der Reallehrer in der Perſon des Herrn Würth um einen vermehrt wurde. Am 3. Juli 1870 wurde wieder eine Vorſchule errichtet, und Herr Ziegler als Lehrer an derſelben angeſtellt. Schon im darauffolgenden Jahre 1871 ſtellte ſich die Nothwendigkeit ein, die untere Abtheilung der 4. Claſſe als 5. Claſſe abzuzweigen, an welcher Herr Joſ. Schmitz als Lehrer angeſtellt wurde. Den bei dem Eintritte ſeiner Krankheit begonnenen, voll⸗ ſtändigen Ausbau der Anſtalt zu einer ſechsclaſſigen Realſchule 2. Ordnung mit einer Vorſchule und die Anſtellung eines weiteren Lehrers hat Sander nicht mehr erlebt.
Gegen ſeine Collegen zeigte Sander das größte Wohlwollen und ſuchte mit Selbſt⸗ verleugnung deren Verhältniſſe zu verbeſſern, wo es ihm möglich war. Mit Energie wahrte er ihre Autorität den Schülern und Eltern gegenüber. Er regte ſie auch zu fernerem Streben jederzeit an, damit ſie ihrer Aufgabe gewachſen bleiben ſollten. Seine⸗ Unterrichtsſtunden hielt er ſtets mit der größten Gewiſſenhaftigkeit und war in denſelben


