Aufsatz 
Eduard Gottlieb Ernst Sander. Ein Lebensbild
Entstehung
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VIII

lich nicht einmal erfuhren. Zu demſelben Zwecke legte er an der Realſchule eine Bib⸗ liothek von Lehrbüchern für arme Schüler an.

Im Umgange war Sander offen und freimüthig; er hatte das Herz auf der Zunge und ſprach, wo er es für nöthig und dienlich hielt, ohne Rückhalt und Rückſicht ſeine Meinung dem Betreffenden gegenüber aus, was ihm bei ſeiner Neigung zur Ironie leider manchen Feind zuzog. Ohrenbläſereien haßte er, und ſelbſt ſeine Feinde geſtehen, daß er ein biederer, gerader und ehrlicher Charakter war. Seinen Freunden gegenüber hatte er den Wahlſpruch:Weß' Freund ich einmal bin, deß' bin ich's auch durch Dick und Dünn. Er hing ihnen mit treuer Liebe an. Seiner Familie war Sander ein treuer, guter Vater; ſeine Mutter hat er, ſobald er ſelbſtſtändig war, zu ſich genommen und ſie bis zu ihrem Tode bei ſich behalten. Er liebte ſeine Kinder zärtlich, was ihn nicht verhinderte, ſobald es nöthig war, Strenge gegen ſie anzuwenden; ſeine Söhne erhielten für denſelben Fehler ſtärkere Strafen, als andere Schüler.

Wie oben ſchon bemerkt wurde, hatte Sander's vielſeitige und aufreibende Thä⸗ tigkeit ſchon während ſeines beſten Mannesalters nachtheilig auf ſeine Geſundheit ge⸗ wirkt, und alle Uebel, welche die Folge der Sitzlebensweiſe ſind, ſtellien ſich nach und nach bei ihm ein. Rheumatismus peinigte ihn vielfach und machte ihn in den letzten Jahren nervös reizbar. Mit dem Anfang des Schuljahres 187 ⁄1 klagte er über häufige Kopfſchmerzen und Abſpannung, ſchleppte ſich aber immer noch in die Schule, da er nur gezwungen die Hülfe ſeiner Mitlehrer in Anſpruch nahm. Das Uebel nahm indeſſen mehr und mehr zu und feſſelte ihn an das Bett. Eine im Auguſt v. J. hin⸗ zugetretene Lähmung der linken Seite wurde von dem Arzte für ein bedenkliches Symp⸗ tom erklärt. Die Kopfſchmerzen, welche zeitweiſe nachgelaſſen hatten, ſteigerten ſich am 13. September ſo bedeutend, daß Bewußtloſigkeit eintrat, und er am 15. September Morgens 2 Uhr ohne Kampf verſchied, nach der⸗Ausſage ſeines Arztes in Folge eines Gehirntumors. Sein Leichenbegängniß fand am Dienstag, den 16. Sep⸗ tember ſtatt und bewies abermals, daß ſein 32jähriges Wirken in Bingen nicht ohne Anerkennung geblieben war. Sechszehn ehemalige Schüler trugen ſeine entſeelte Hülle in einem mit Kränzen und Blumen vollſtändig bedeckten Sarge unter den Klängen einer Trauermuſik zu ihrer letzten Ruheſtätte. Sämmntliche Knabenſchulen mit ihren Lehrern, die Geiſtlichen, Beamten, Mitglieder des Stadtvorſtandes, von nah und fern herbeigeeilte ehemalige Schüler und Freunde, ſowie eine große Schaar von Bürgern er⸗ wieſen ihm die letzte Ehre.

Bald nach ſeinem Tode trat ein aus ehemaligen Schülern gebildetes Comité zu⸗ ſammen, um die Errichtung eines Grabdenkmales für den Verſtorbenen anzubahnen und durch dieſen Act dankbarer Pietät ihn und ſich ſelbſt zu ehren. Es ſoll bereits eine namhafte Summe zu dieſem Zwecke eingegangen ſein; und es ſteht zu erwarten, daß das Denkmal ein recht würdiges werde.

Und ſo übergebe ich dieſes Lebensbild als einen kleinen Zoll der Liebe und Dank⸗ barkeit hiermit den Amtsgenoſſen, Schülern und Freunden des Entſchlafenen mit den Worten an ihn:. 1

Hat der Tod uns auch von Dir geſchieden, Wir vergeſſen darum Deiner nicht. 3 Ruhe ſanft in Gottes heil'gem Frieden,

Dir gebührt der Ruhm erfüllter Pflicht!

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