Aufsatz 
Fauna der näheren Umgegend von Bingen : B: Wirbellose Tiere
Entstehung
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ihnen den Verwüſter des herrlichen Frühlingsſchmuckes!*) Oder vielleicht ſind unſere Nadelwälder von der nahen Verwandten des Schwammſpinners, von der Nonne(Psilura monacha) heimgeſucht und erfahren das gleiche Schickſal. Hier ſteht eine Gruppe majeſtätiſcher, hundertjähriger Eichen mit mächtigen Stämmen, die unſere Bewunderung erregen; allein die nähere Betrachtung zeigt, daß die herrlichen Stämme nach allen Richtungen hin durchlöchert und dadurch als Nutzholz völlig unbrauchbar geworden ſind. Da ſitzt er, der Holzmörder(Cerambyx heros), am Stamme und ſonnt ſich behaglich, die langen Fühlhörner rückwärts legend. Seine Larve iſt es, welche die, Sturm und Wetter trotzenden Eichen dem ſichern Tode entgegenführt, beſonders, wenn ſie noch an derjenigen des Hirſchkäfers(Lucanus cervus) eine thätig mitwirkende Gehülſin findet. Solche Thatſachen müßten wir unſere Schüler ſehen laſſen. Sind die Hügel unſerer Heimath mit Reben bekleidet, ſo können wir unſeren Schülern zeigen, wie künſtlich der Blattfeind der Rebe(Rhynchites betuleti), der Rebenſtecher, im Frühling Cigarren dreht aus den Blättern des Weinſtockes, um ſeine Eier in denſelben zu bergen, oder, welche Verheerungen zur Zeit der Traubenblüthe und wieder im Auguſt, wenn die Beeren beinahe ausgewachſen ſind, der Heu⸗ reſp. Sauerwurm(Conchylis Roserana) anrichtet, und die Schüler werden Verlangen haben, dieſe Feinde und Zerſtörer nützlicher Gewächſe und die Mittel zu ihrer Vertilgung näher kennen zu lernen.

Iſt aber eine Gegend reich an Obſt⸗ und Feldbäumen, ſo bietet ſich auch hier Gelegenheit in Hülle und Fülle, unſeren Schülern das Leben und Treiben einer großen Menge hierher gehöriger Thiere vorzu⸗ führen. Treten wir z. B. hin vor ein Pflaumen⸗, Zwetſchgen⸗ oder Mirabellenbäumchen, das nach reicher Blüthe über und über mit Fruchtanſätzen bedeckt iſt, ſo daß wir der frohen Hoffnung auf eine reiche Ernte Raum geben und uns im Geiſte ſchon der ſüßen Früchte oder des ſchönen Geldertrages freuen! Bei einem leichten Stoße gegen den Stamm oder ſpäter von ſelbſt fallen die Früchte in Menge herab, und dieſes trau⸗ rige Schauſpiel wiederholt ſich zum Verdruſſe des Eigenthümers jeden Tag bis zur völligen Entblößung des zu ſo ſchönen Hoffnungen berechtigenden Bäumchens. Die genauere Unterſuchung der abgefallenen Früchte zeigt, daß dieſelben alle einen ſchwarzen Fleck haben, den Stich von Selandria brunnea, fulvicornis oder Rhynchites cupreus, die ihr Ei hineinlegen, das, zur Larve entwickelt, die Frucht ausfrißt, in Folge deſſen ſie zu Boden fäͤllt.

An den Apfel⸗ und Birnbäumen, ſowie an andern Obſt⸗ und Feldbäumen können wir den Schülern das Treiben von Anthonomus pomorum, Rhynchites Bacchus, Phyllobius mali und piri, Zeuzera aesculi, Sesia myopaeformis, Gastropacha neustria, Porthesia chrysorrhoea und auriflua, Chimatobia brumaria und eines ganzen Heeres anderer Feinde dieſer Culturpflanzen zeigen, ſowie ſich an den Küchengewächſen, Ge⸗ müſen, Getreidearten und andern niedern Pflanzen fortwährend Gelegenheit bietet zu Anſchauungen und Be⸗ lehrungen auf dieſem Gebiete. Haben wir auf dieſe Weiſe durch zahlreiche und mannichfache Anſchauungen den Schülern Intereſſe für dieſen ſo wichtigen Zweig der Naturgeſchichte beigebracht, dann können wir ver⸗ ſichert ſein, daß unſer Unterricht auf fruchtbaren Boden fallen, von Nutzen für ſie ſein wird, und daß ſie das Gelernte nicht wieder in kürzeſter Zeit vergeſſen werden.

Die großen Verheerungen vieler Inſekten auf dem Gebiete der Landwirthſchaft ſind aber um ſo mehr ins Auge zu faſſen, als die mehr und mehr zunehmende Ausrottung der Bäume und Gebüſche um die Dörfer herum zugleich die Wohnplätze und Zufluchtsörter der inſektenfreſſenden Vögel zerſtört und damit dieſe, die natürlichen Hüter unſerer Culturpflanzen, vertreibt. Wenn alſo durch dieſe unnatürlichen Verhältniſſe die Wirkſamkeit der Feinde unſerer Culturpflanzen nicht in rieſigem Maße überhand nehmen ſoll, ſo müſſen wir dafür ſorgen, daß dieſer wichtige, aber noch ganz vernachläßigte Zweig der Landwirthſchaft eine rationellere Behandlung erfährt. Dies iſt aber nur dann möglich, wenn einmal die wirklich lächerlichen und verkehrten, auf völliger Unkenntniß der Thatſachen beruhenden Anſichten der großen Mehrzahl der Landwirthe über die mannichfachen Urſachen der Schädigungen unſerer Culturpflanzen durch beſſeren Schulunterricht beſeitigt ſind. Erſt, wenn die Urſache eines Uebels aufgefunden und klar erkannt iſt, kann demſelben wirkſam begegnet werden. Glauben wir nicht, daß die Hand des Menſchen hier Nichts vermöge!**) Wenn dieſe ſo wichtige Angelegen⸗

*) Im Juni 1868 war der obenerwähnte Schwammſpinner auf der Strecke von dem Kreuzbache bis gegen das Schwei⸗ zerhaus in ſolcher Menge aufgetreten, daß die an den Bergabhängen ſich beſindenden Gebüſche und die dort an der Landſtraße ſich hinziehende Ahornallee vollſtändig kahl gefreſſen waren. Die Stämme der Bäume und die am Rande der Landſtraße zahlreich ſtehen⸗ den Steinpfeiler waren über und über mit Raupen bedeckt, ſo daß kaum noch eine leere Stelle zu ſehen war. Beim Gehen unter dieſen Bäumen hörte man beſtändig das Rieſeln der herabfallenden Excremente, welche auf dieſer Strecke den Boden mindeſtens einen Zoll hoch bedeckten, ſo daß man glaubte, in einem ſchmutzigen Kuhſtalle zu gehen. Später hingen die Puppen zu Hunderten in Felſenlöchern, Baumhöhlungen und unter Brücken beiſammen. Allein eine große Zahl derſelben war dadurch, daß die Raupen wegen Futtermangels zu frühzeitiger Verpuppung genöthigt worden waren, verkümmert, und der noch größere andere Theil beher⸗ bergte die Larven von allerlei Raubinſecten, ſo daß ich ſpäter auf der ganzen Strecke nur ſehr wenige kleine und nur einen vollſtändig ausgebildeten Schmetterling mit einem Eierpfaſter hinter ſich vorfand. 3

) Sind doch manche Inſekten, die an gewiſſen Orten ſehr häufig waren, dadurch, daß ſie von Sammlern eifrig ge⸗ ſucht wurden, faſt vollſtändig ausgerottet.

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