Aufsatz 
Fauna der näheren Umgegend von Bingen : B: Wirbellose Tiere
Entstehung
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heit einmal allenthalben mit Ernſt in Angriff genommen wird, dann werden wir auch hier zum Ziele gelangen. Der Einzelne vermag freilich nicht allein gegen die durch ihre Menge und durch ihr der Beobachtung ſich leicht entziehendes Wirken ſo mächtigen Feinde menſchlicher Thätigkeit anzukämpfen; allein, wie überall, wo die Kräfte ſich vereinigen, der Erfolg nicht ausbleiben kann, ſo auch hier. if Es möchte nun Mancher fragen, ob denn die Sache wirklich von ſolcher Wichtigkeit ſei; und ich antworte aus voller Ueberzeugung: Bei unſern ſich täglich verwickelter geſtaltenden Lebensverhältniſſen, bei den ſtets zunehmenden Anforderungen des Staates und der Gemeinde an den Einzelnen tritt an uns alle ge⸗ bieteriſch die Forderung heran, keinen Factor unberückſichtigt zu laſſen, welcher beitragen kann zur Vermehrung der Leiſtungsfähigkeit des Einzelnen zum Beſten des Allgemeinen, keine Gelegenheit zu verſäumen zur Auffin⸗ dung von Mitteln, welche im Stande ſind, eine vermehrte Anpflanzung und erhöhte Ertragsfähigkeit unſerer Culturpflanzen und damit dieſe erhöhte Leiſtungsfähigkeit herbeizuführen. Welche Bedeutung z. B. nur die Obſteultur erlangt hat, kann Der richtig beurtheilen, der Gelegen⸗ heit hat, die großartigen Obſttransporte während des ganzen Sommers auf Schiffen und Eiſenbahnen an gewiſſen Stationsplätzen zu beobachten. Welche ergiebige Quelle des Wohlſtandes wird dieſe Obſteultur für manche Orte, wo beſonders günſtige Verhältniſſe einen öftern, reichen Ertrag ſichern! Wenn wir aber glau⸗ ben, auf dieſem Gebiete ſei Nichts mehr zu thun, ſo ſind wir in einem ganz großen Irrthume befangen. Wenn auch durch wohlgemeinte Verordnungen von Seiten der zuſtändigen Behörden die Anpflanzung von Obſt⸗ bäumen an paſſenden Orten und deren Säuberung von Raupenneſtern geboten und befördert wird, ſo iſt da⸗ mit noch durchaus nicht geholfen; dem geſetzten Baume muß auch eine rationelle Pflege zu Theil werden, die ſich nicht blos auf Bodenverhältniſſe, Duͤngung und Schnitt delhatrnen darf, ſondern ſich ausdehnen muß auf die Kenntniß der Feinde desſelben aus der Thierwelt, die denſelben häufig in kürzeſter Zeit zur Ruine herabſinken laſſen, wenn ihrem verderblichen Treiben nicht durch die Hand des Menſchen Einhalt geboten wird. Wie kann ich aber einem Feinde wirkſam begegnen, den ich nicht kenne? Der Landwirth ſieht Zerſtörungen und Verwüſtungen aller Art an ſeinen Bäumen, ohne zu wiſſen, welches die Urheber derſelben ſind. Was Wunder, daß er denſelben nicht wirkſam entgegentreten kann? Aus Aerger und Verdruß über ſeine getäuſch⸗ ten Hoffnungen läßt er die Bäume vollends verderben oder haut ſie vor der Zeit aus, um den von ihnen eingenommenen Platz auf andere Weiſe nutzbar zu machen. Hier iſt alſo ein Feld, wo durch die Thätigkeit des Lehrers, namentlich bei unſern jetzigen Verhältniſſen, etwas Erſprießliches gewirkt werden kann. Jeder einigermaßen wohlhabende Landwirth, deren es ja bekanntermaßen nicht wenige gibt, wird bei den jetzigen politiſchen Verhältniſſen ſeine Söhne einer höheren Lehranſtalt übergeben; und wenn dieſelben auf dieſen Schulen im naturgeſchichtlichen Unterrichte eine eingehendere Belehrung über die Feinde der Culturpflanzen er⸗ halten, ſo werden ſie hieraus ſowohl fuͤr ihre geiſtige Ausbildung überhaupt, als auch insbeſondere für ihren zukünftigen Beruf weit mehr Vortheil ziehen, als aus der oberflächlichen Durchwanderung eines ſo großen Gebietes, wie das der wirbelloſen Thiere überhaupt, das bei der Kürze der Schulzeit und der knappen Stun⸗ denzahl, welche dieſem Unterrichtsgegenſtande überall zugemeſſen iſt, doch nicht erſchöpft werden kann, abgeſehen davon, daß es auch nicht in der Tendenz einer Realſchule liegen kann, alle Gebiete der Naturwiſſenſchaften zu erſchöpfen. Non multa, sed multum! Wir möchten deßhalb jeder Realſchule eine Sammlung aller der Landwirthſchaft nützlichen und ſchädlichen Inſekten in richtiger Zuſammenſtellung wünſchen, wie ſie mein im vorigen Jahre verſtorbener, unvergeßlicher Freund, der unübertreffliche, mit Wiſſenſchaft und Praxis aus⸗ gerüſtete Sammler und Kenner dieſer Inſekten in ihrem geheimen Wirken und Treiben, Karl Wag⸗ ner, anfing, und wie ich ſie nach deſſen Principien, von ihm mit der Liebe des Forſchers angeregt und mit ſeltener Uneigennützigkeit belehrt, fortzuſetzen hoffe, weil ich durchdrungen bin von der Wahr⸗ heit der Worte, die Dr. Alex. Held in der Vorrede zu ſeiner demonſtrativen Naturgeſchichte pag. VIII an⸗ führt:Kabinete ſind aus dem Leben genommen und für's Leben geſchaffen, ſollen auch Lebenswurzeln für Wiſſenſchaften ſchlagen, ſo daß ſie jeder Geringſchätzung begegnen können mit dem Sprichworte: Ars non habet osorem, nisi ignorantem, und pag. XIII:Naturalienkabinete haben, da Nichts unſere Neugierde ſo ſehr erregt, als Naturgeſchichte, ſchon einen angebornen Reiz für uns und unter dieſen unſtreitig den höchſten ein zoologiſches, das die Geſchöpfe in ihrer natürlichen Größe und(bei richtiger Behandlung) in ihrem Treiben uns vorführt; endlich pag. XIX:Nur wer Naturalien⸗Sammlungswiſſenſchaft achtet, ver⸗ räth Sinn für Naturgeſchichte; denn er will die Mittel, daher auch den Zweck. Wuürden die Schüler, wenn ſie ſelbſt zum Anlegen ſolcher Sammlungen angeregt würden, hierbei nicht viel mehr Gewinn haben, als bei dem planloſen, einſeitigen, meiſt blos auf Herrichtung eines in ſchönen Farben pranzenden Bildes gerichteten Sammeln von Schmetterlingen, deren Namen ſie häufig nicht einmal kennen, von deren Naturgeſchichte ſie aber in den meiſten Fällen gar Nichts wiſſen? Die Schönheit der Formen, die Mannichfaltigkeit und Pracht der Farben würden auch hier nicht fehlen.

Wie ſehr man die Nothwendigkeit eines ſolchen Unterrichtes überhaupt fühlt, geht aus einer Stelle in Profeſſor Ratzeburg'sWaldverderbern pag. 51 hervor, in welcher er ſagt, daß wir zwar eine große Zahl naturgeſchichtlicher Werke beſitzen, daß dieſelben aber für die Kenntniß nützlicher und ſchädlicher Inſekten

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