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und Kraft empfängt, und so ist beiden nicht allein das Behalten im Gedächtnis gesichert, sondern auch das Behalten im Herzen verbürgt.
Es ist natürlich nicht möglich, alle die angeführten Lieder in der angedeuteten Weise im Laufe eines kurzen Schuljahres im Religionsunterricht heranzuziehen und zu verwerten. Dazu ist die Zeit zu beschränkt und das Jahrespensum ohnehin zu reichlich zugemessen. Es wird also eine gewisse Auswahl notwendig sein und, um sich nicht in unbestimmte Weite zu verlieren, wird die Behandlung nach sicheren und gewissermassen feststehenden Gesichts- punkten geschehen müssen.
Bei der Auswahl ist für unsere Zwecke zunächst die praktische Rücksicht in's Auge zu fassen. Es sind jene Lieder auszuwählen, die erfahrungsgemäss häufig und gerne gesungen werden. Diesen Liedern bringt der Schüler schon ein gewisses Interesse entgegen, Text und Melodie ist ihm vielfach schon geläufig, und er kann das Gelernte sogleich und oft verwerten, was ja immer mit einem gewissen Reiz vorbunden ist und dann auch das Interesse weckt und steigert. Da aber die gebräuchlichsten Lieder leider nicht immer auch textlich und musikalisch die vollkommensten sind, so sind in zweiter Linie diejenigen Lieder zu berück- sichtigen, welchen diese Vorzüge eigen sind; namentlich werden solche Lieder ausgewählt werden müssen, die für die persönlichen Bedürfnisse der einzelnen Christen passen und ihm in Unglück und Leid, in Not und Tod eine Quelle des Trostes und Lichtes werden können. Selbstverständlich wird man endlich bestrebt sein, bei der Auswahl der Lieder auch die Festzeit im Auge zu behalten, in der das Lied behandelt wird. Wenn ja auch das Kirchenjahr nicht allein die Behandlung des Liedes bestimmt, sondern, wie gezeigt wurde, die Praxis des Religionsunterrichtes, die dasselbe überall verwertet, wo sich dazu die Gelegenheit bietet, so fordert doch das praktische Bedürfnis, dass in der Adventszeit nicht etwa Passionslieder, sondern Adventsgesänge, und in der Osterzeit nicht Weihnachtslieder, sondern eben Osterlieder behandelt werden. Natürlich dürfen diese nicht unabhängig von dem in dem Unterricht gerade be- handelten Stoff durchgenommen werden, sondern sie müssen in eine organische Verbindung mit demselben treten, die ja in den allermeisten Fällen leicht hergestellt werden kann.
Wählt man nach diesen Gesichtspunkten für ein Schuljahr nur 6 oder 8 Lieder aus, die zu erklären, gut zu memorieren und auch später bei gegebener Gelegenheit zu wiederholen sind, fügt man zu diesen dann noch ebensoviele andere, die kurz zu besprechen und zu lesen sind, so wird der Schüler von Sexta bis Obertertia fast mühelos mit 60 bis 80 Liedern be- kannt, die ihm ein kostbarer Schatz auf seinem späteren Lebensweg sein werden.
Damit aber diese Lieder thatsächlich dauerndes geistiges Eigentum des Schülers werden, ist es notwendig, dass man sie ihm erklärt. Es ist oben schon kurz erwähnt worden, wie diese Erklärung unerlässlich ist, wenn der Kirchengesang nicht ein blosses Lippenwerk sein soll, von welchem das Herz weit entfernt ist. Diese Erklärung„giebt den Schlüssel zum Verständnis, erklärt die Stimmung des ganzen Liedes, wie auch den Sinn einzelner Stellen, erregt Wertschätzung des Liedes und macht zur Erlernung geneigt, selbst begierig“ ¹).
Das grösste Gewicht ist auf die Erweckung der Stimmung zu legen. Nur wenn es gelingt die rechte Stimmung zu erwecken, wird ein wirkliches Ergriffensein von dem Liede, das notwendige sympathische Interesse, erzielt werden. Gelingt es nicht diese Stimmung
¹) Vgl. H. Galle, Erklärung kath. Kirchenlieder S. XVI;— Vgl. hierzu auch Pädagog. Monatshefte 1. Jahr- gang 1895 Stuttgart; Cäcilienkalender, verschiedene Jahrgänge, namentlich 1880, 1882, Regensburg; Fliegende Blätter für kath. Kirchenmusik 1896, Nr. 11 und 12, Regensburg.


