Aufsatz 
Die Behandlung des Kirchenliedes im katholischen Religionsunterricht / von J. May
Entstehung
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zu erwecken, so ist der ganze Wert des Liedes für die betreffende Stunde wenigstens in Frage gestellt. Wie wahr das ist, lässt sich nicht schwer nachweisen.

Ein Adventslied, in der Adventszeit gesungen, ist imstande uns mächtig zu ergreifen, während es in einer andern Zeit kaum einen Eindruck auf uns macht. Ein Grablied wirkt ganz anders angesichts einer offenen Gruft, als bei einem freudigen Anlass. Diese Stimmung wird erzielt, indem man die Seele in den Kreis der Vorstellungen und Empfindungen hinein- versetzt, in welchem sich der Inhalt des Liedes nach der Absicht der Kirche oder auch des Verfassers bewegt. Ein Osterlied kann also sehr gut ohne weiteres vorgenommen werden am Schluss des 5. Glaubensartikels oder nach Durchnahme der biblischen Geschichte von der Auferstehung, wie oben schon gezeigt wurde. Denn der behandelte Gegenstand ist an sich schon imstande die rechte Stimmung hervorzurufen.

Nicht immer aber hat man Gelegenheit das Lied so unmittelbar an den behandelten Gegenstand anzuschliessen. In diesem Falle wird man am besten mit einigen warmen Worten die entsprechende Thatsache aus der heiligen Geschichte erzählen. Gute Dienste können auch die kurzen Vorbemerkungen leisten, die im Gesangbuch den einzelnen Festen und Festzeiten vorgedruckt sind. Dieselben belehren kurz und bündig über die Idee des betreffenden Festes und über die Gesinnung, in der wir es feiern sollen. Namentlich in den unteren Klassen empfiehlt es sich auch, in der biblischen Geschichte das diesbezügliche Bild zu betrachten und dasselbe kurz zu erklären. Auch in den mittleren Klassen kann man bei dieser Gelegenheit auf ein bekanntes Kunstwerk hinweisen, das zu dem Liede in Beziehung steht. Manchmal ist es auch zweckdienlich auf die Umstände hinzuweisen, unter denen ein Lied entstanden ist, auf die Gefühle, die den Dichter bei Abfassung des Liedes beseelten. Das von Paul Gerhardt so schön nach dem lateinischen Text des hl. Bernhard bearbeitete Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden wird leichter verstanden, wenn man an den hl. Bernhard erinnert, wie er, vor dem Kreuze knieend, das blutüberströmte Haupt und das erbleichte Antlitz des Herrn betrachtend seinenherzinnigen Gruss Salve caput cruentatum empor- sendet. Bei dieser Grundlegung muss natürlich genau beachtet werden, dass die Vor- besprechung sich nicht ins Weite verliert, sondern dass die Kernpunkte, auf die es zur Erregung der richtigen Stimmung ankommt, scharf heraustreten ¹).

Ist so die richtige Stimmung erregt, dann folgt das Vorlesen des ganzen Liedes durch den Lehrer, dem die Schüler bei geschlossenen Büchern zu folgen haben. Dieses hat einen doppelten Zweck. Es wird dadurch der spezielle Gegenstand des Liedes und die Idee desselben dem Schüler näher gebracht, eine gesteigerte Aufmerksamkeit, ein eingehendes Verständnis, ein grösseres Interesse, ein tieferer Eindruck hervorgerufen. Dann aber wird dadurch auch der für das Verständnis so notwendige Totaleindruck erzeugt. Der Schüler lernt, dass es sich hier um ein abgerundetes, dabei aber wohl gegliedertes Ganze handelt. Bei einem gefühlvollen und lebendigen Vortrag des Liedes durch den Lehrer, wobei Ton, Betonung, Tempo, Pause und alles, was zu einem guten Vortrag gehört, beachtet werden muss, ist keine Gefahr, dass sich dabei die Schüler langweilen oder unaufmerksam sind. Das Interesse, von dem der Lehrer sichtlich für seinen Gegenstand beseelt ist, wird sich auch auf die Schüler übertragen. Verkehrt wäre es aber, das zu erklärende Lied zuerst von den Schülern vorlesen zu lassen und dabei Korrekturen der Betonung und erläuternde Bemerkungen anzubringen. Der Schüler kann ein Lied nicht schön lesen, wenn er den Totaleindruck desselben nicht in sich aufgenommen hat.

¹1) Vgl. Lehrproben u. Lehrgänge von Fries und Meyer H. 45 S. 40.