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Auch hier lässt sich das Dichterwort anwenden:„Lieder gleichen guten Thaten; wer kann besser, als der Sänger dem verirrten Freunde raten?“ Denselben Gedanken spricht Herder aus:„Was dem Unmutigen, dem lieblos Verstockten die Rede nicht sagen darf, sagen ihm vielleicht Worte auf Schwingen lieblicher Töne“.„Andächtiger Gesang kann auch steinerne Herzen zu Thränen schmelzen“, bemerkt St. Ephraem. Pollack giebt in der schon er- wähnten Abhandlung über das evangelische Kirchenlied auch einige interessante historische Züge über die Dichter, die Entwickelung, Art und mächtige Wirkung einzelner Kirchenlieder ¹). Wenn manches Lied uns so seine eigene Geschichte erzählen könnte, wie oft würden wir finden, wie wahr es ist, dass„es Arznei ist für die Seele, Stärke in Not und Gefahr, Freude und Labsal fürs Leben. Es ist, wie das liebe Brot, das wir täglich essen, ohne UÜberdruss zu empfinden; wie das Vater unser, schlicht und klar, dass es jeder versteht und doch so tief, dass es keiner ergründet, weil es die Summe der Gottesweisheit in sich birgt“¹²).
Namentlich aber hat der Religionsunterricht, wie jeder andere Unterrichtsgegenstand und vielleicht mehr als sie alle den Zweck, den Schüler für das praktische Leben vor- zubilden. Nicht jedes Fach hat für jeden Schüler in seinem späteren Leben die gleiche Be- deutung; aber die Religion soll für jeden, auch für den gebildeten Mann, eine treue Begleiterin seines ganzen Lebens sein, mag er einen Berufsweg einschlagen, welchen er will). Die Religion soll aber nicht allein Sache des Herzens sein, sondern auch Sache des praktischen Bekenntnisses; so lehrt der Katechismus, der zwischen einer inneren und äusseren Gottes- verehrung unterscheidet und beide in gleicher Weise verlangt. Letztere vollzieht sich vor- zugsweise in der Teilnahme an dem öffentlichen Gottesdienst. Welche wichtige Rolle bei demselben, wenigstens so weit er feierlich ist, der Kirchengesang spielt, ist ja hin- länglich bekannt. Darum ist eine unterrichtliche Behandlung des Kirchenliedes unerlässlich. Wer im stillen beobachtet, wie sinnlos die Texte beim gemeinsamen Gottesdienste oft entstellt werden, wird zugeben, dass eine Erklärung des Kirchenliedes notwendig ist. Der Verfasser liess unlängst in Quarta eine Strophe eines Liedes auswendig niederschreiben, welches monatlich regelmässig einmal und auch sonst häufig mit grosser Begeisterung gesungen wird. Es war „Mein Zung klinge“. Kaum die Hälfte der Schüler schrieb die Strophe ganz fehlerfrei nieder. Man hört und lernt eben schon als Kind diese Lieder, man singt sie hundertmal, ohne auch nur einmal über den Text zu reflectieren, und schliesslich singt man ein Leben lang einen Unsinn, ohne sich dessen je bewusst zu werden. Und doch soll die Anbetung Gottes, mag sie im Gebet oder im Lied ihren Ausdruck finden, eine Anbetung im Geiste und in der Wahr- heit sein. Es soll damit gewiss nicht verlangt werden, dass jedes Lied des Gesangbuches er- klärt sein muss, um richtig und vernünftig gesungen zu werden. Allein eine Anleitung, die man in der Jugend erhalten hat, ein Lied auch textlich zu würdigen, wird auch dem Mann ein Sporn sein das Lied nicht nur zu singen, sondern betend zu singen. Nur unter dieser Bedingung gilt der Grundsatz:„Qui bene cantat, bis orat“. Diese Anleitung befähigt also in wirksamer Weise den Schüler in seinem späteren Leben in thätiger Weise am öffentlichen Gottesdienst überhaupt teilzunehmen.
Sie befähigt ihn aber auch das Leben der Kirche, das er später mitleben soll, zu verstehen und zu würdigen. Dieses Leben der Kirche, wie es sich im Laufe des Kirchen- jahres vor unseren Augen abspielt, findet seinen sprechenden Ausdruck im Liede. Während die Adventslieder heilige Sehnsucht atmen nach dem kommenden Heiland, durchweht die
¹) Aus deutschen Lesebüchern IV. 2. Abt. Ethische und lyrische Dichtungen S. 679 ff. ²) Vgl. H. Galle, Erklärung katholischer Kirchenlieder, 4. Aufl. Breslau. ²) Vgl. Anweisung zur Erteilung des kath. Religionsunterrichts a. a. O.


