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der Musik überzeugt und verherrlichen ihn. Hochbedeutende Denker aller Zeiten anerkennen und schätzen ihn ¹). Dass sie diese Bedeutung namentlich auch dem religiösen Lied beilegen. sehen wir an dem wunderbaren Erfolg, mit dem Goethe in der herrlichen Osternachtscene seines Faust im entscheidenden Augenblick Gesang und Glockenklang wirken lässt:„O tönet fort, ihr süssen Himmelslieder! Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder“.
Die religiösen Lieder sind eben der Ausdruck der tief im menschlichen Herzen wur- zelnden religiösen Gefühle, die darum in jedem Herzen verwandte Saiten finden und dort wiederklingen. Sie sind aus dem kindlich gläubigen Herzen unserer Vorfahren hervorgegangen und haben wiederum die Kraft, im Herzen der Nachkommen wahre Andacht zu fördern, das Feuer heiliger Gottesliebe zu entzünden. Der hl. Augustinus, der die gewaltige Wirkung des heiligen Liedes an sich empfunden, sagt in seinen Bekenntnissen:„Wie viele Thränen habe ich vergossen bei deinen Hymnen und Liedern! Wie ward ich gerührt, wenn deine Kirche von lieblichem Gesange erschallte! Jene Töne träufelten Balsam in mein Ohr und mit ihnen ward deine Wahrheit in mein Herz gegossen, also, dass die Glut und Andacht in ihm auf- loderte. Meine Thränen flossen und es ward mir wohl dabei?²)“. Wer hätte nicht schon die ergreifende Wirkung eines vielhundertstimmigen Volksgesanges an sich erfahren; wer wäre nicht schon im Innersten seiner Seele mächtig bewegt worden, wenn in der Christmette das feierlich schöne Weihnachtslied an sein Ohr klang:
„Heiligste Nacht, Finsternis weichet, es strahlet hienieden Lieblich und freundlich vom Himmel ein Licht“, oder wer wäre wohl noch nicht von heiliger Begeisterung erfasst und fortgerissen worden, wenn bei einem besonders freudigen Ereignis aus vielhundert Seelen der gewaltige Lobgesang erschallte: „Grosser Gott, wir loben dich“.
Aber nicht nur momentan äussert das religiöse Lied diese sittlich erhebende Wirkung, sondern es hat hohe Bedeutung fürs spätere Leben, das oft an Wechselfällen freudiger und ernster Natur so reich ist. Das heilige Lied lässt keine Saite unseres Herzens unberührt, es übt einen mächtigen Einfluss auf das ganze Gefühlsleben aus und erteilt ihm gleichsam eine religiöse Weihe. Wenn die ganze Gemeinde, jung und alt, freudig bewegt ist, weil der Herr Grosses an ihr gethan, so wird dieses Gefühl aus dem Bereich natürlicher Freuden gleichsam herausgehoben, gestärkt und geheiligt durch das erhabene„Grosser Gott, wir loben dich“. Oder wenn der Mensch im späteren Leben auf Abwege gerät, wenn schwere Schuld sein Herz bedrückt, dann ist es nicht selten ein frommes Lied aus den Tagen seiner glück- lichen, schuldlosen Jugend, das ihn erschüttert, zur Einsicht der Schuld bringt, ihm Thränen der Reue entlockt und seine Umkehr anbahnt.
¹) Vgl. J. Klassert, Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt. Gymnasial- progr. Mainz 1896, wo S. 9 als Gegenstück zu Seumes geflügelten Worten:„Wo man singt, lass dich ruhig nieder“ u. s. w. folgende Worte eines italienischen Volksliedes citiert sind, welche die ethische Bedeutung des Gesanges so treffend bezeichnen: „Die Engel haben uns das Lied gegeben, An nichts, als Liebe denkt man ja beim Singen. Sie wollten uns im Lied erheben: Wer kann beim Singen Böses je vollbringen?“ Vgl. auch Dr. W. Jansen, Die Ausbildung des ästhet. Urteils im Gesangunterricht der höheren Lehr- anstalten, Realgymnasialprogr., Essen 1896. 2) St. Aug. Conf. IX. 6.


