Aufsatz 
Die Behandlung des Kirchenliedes im katholischen Religionsunterricht / von J. May
Entstehung
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Heu quantum haec Niobe Niobe distabat ab illa, . invidiosa suis, at nunc miseranda vel hosti, und Quis est homo, qui non fleret, matrem Christi si videret in tanto supplicio?, oder folgende: ultima restabat; quam toto corpore mater, tota veste tegens unam minimamque relinque! de multis minimam posco', et amavit,'et unam'! dumque rogat, pro qua rogat, occidit. Orba resedit . deriguitque malis und O quam tristis et afflicta Fuit illa benedicta Mater unigeniti! Quae moerebat et dolebat, Pia mater, dum videbat Nati poenas inclyti ¹).

Berücksichtigen wir noch ausser diesen Stellen, die leicht vermehrt werden können, die poetischen Mittel, die hier wie dort angewandt sind, plastische Schilderung, Klangmalerei u. a., so ergiebt sich, dass es keineswegs so schwierig ist Anknüpfungspunkte ans Lateinische in Hülle und Fülle zu finden.

Khnliche Beziehungen zum Lateinischen lassen sich bei der Behandlung fast sämtlicher Lieder mühelos herstellen. Ich erinnere an die Adventslieder; schon ihr Name fordert zur Erklärung das Lateinische. Wer wird z. B. das LiedTauet, Himmel, den Gerechten erklären, ohne darauf aufmerksam zu machen, dass diese Worte, entnommen aus Js. 14. 20, in ihrem lateinischen TexteRorate coeli desuper die Anfangsworte des Introitus der Adventmessen bilden, weshalb diese Messen ganz allgemein auch beim VolkeRoratemessen oderRorate- ämter oder kurzwegRorate heissen. Diese Konzentration, die gewiss nichts weniger als gesucht, die vielmehr natürlich, ja geradezu notwendig ist, dürfte wohl für den Religions- unterricht selbst vom grössten Nutzen sein.

Seither war mehr die Rede von äusseren, gleichsam formalen Gründen, die eine wohlwollende Behandlung des Kirchenliedes im Religionsunterricht wünschenswert machen, wichtiger sind die inneren Gründe, die dafür sprechen.

Mehr als jeder andere Unterrichtsgegenstand hat der Religionsunterricht den Zweck, den Schüler sittlich zu veredlen und für sein späteres religiöses Leben zu erziehen²) Dazu leiht ihm gerade das Kirchenlied eine nicht zu verachtende Handhabe.

Es ist wohl überflüssig zu zeigen, welch gewaltigen, veredelnden Einfluss Gesang und Musik überhaupt auf das menschliche Herz ausüben.

Unsere grossen Dichter Goethe, Schiller, Uhland sind von diesem ethischen Einfluss

¹)Die katholische Liturgie, schreibt Ozanam,hat nichts Rührenderes, als diese Wehklage, so traurig, dass ihre eintönigen Strophen, wie Thränen fallen, so süss, dass man darin wohl einen göttlichen Schmerz erkennt, den die Engel linderten, so einfach endlich in ihrem populären Latein, dass Frauen und Kinder, sie halb aus den Werten, halb durch den Gesang und durch das Herz verstehen.

²) Vgl. Anweisung zur Erteilung des kath. Religionsunterrichts an den Gymnasien zur Erläuterung des Lehrplans, S. 5.