Aufsatz 
Die Behandlung des Kirchenliedes im katholischen Religionsunterricht / von J. May
Entstehung
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indem verschiedene Geistliche dem Kyrie eleison ein paar deutsche Verse vorausschickten. Ein Lied dieser Art besitzen wir in dem Bittgesange an den heiligen Petrus(gedruckt Müllen- hoff und Scherer Denkmäler 9); ebenso ist noch ein Lobgesang auf den heiligen Gallus vorhanden. Wärmer und inniger wird der Ton erst in den Marienliedern. Im deutschen Unterricht in Obersekunda wird dann dem Schüler vorgeführt werden, dass die älteste deutsche Lyrik eine dreifache Quelle hat, die Lyrik der Geistlichen, die Lyrik der Spielleute und die Lyrik der Ritter. Unschwer wird er dann erkennen, dass die erstgenannte die älteste der drei Richtungen ist, in dem unsere vom Geiste des Christentums durchdrungene Vorfahren früher die Beziehungen aller zum Schöpfer, als das Verhälnis des einzelnen zum einzelnen zum Gegenstande des Liedes machten.

Wie manchmal ferner wird man Gelegenheit haben bei Wortorscheinungen, die dem heutigen Sprachgebrauch fremd sind, die sich aber in unsern altehrwürdigen kernigen Kirchen- liedern erhalten haben, auf diese hinzuweisen. Ich erinnere beispielshalber nur an das unge- bräuchliche küren(Kurfürst)= wählen, erhalten in dem VerseAuserkoren, uns geboren u. s. w., sowie an Fron= Herr, dazu das Femininum Frau= Herrin, erhalten in den VersenMein Zung klinge, fröhlich singe von dem zarten Leichnam fron undO Königin, o milde Frau ferner an Urständ-Auferstehung, wovon mancheOstern ableiten, erhalten in dem OsterliedDie ganze Welt Herr Jesu Christ, in deiner Urständ fröhlich, ist. Khnliche Belege lassen sich leicht finden für die mehr oder weniger ungebräuchlichen Worte, Elend(exsilium)= Verbannung, heimfahren= gehen, Anbeginn= Anfang, insgemein und allzumal= zusammen, sonder= ohne und viele andere.

Auch mit dem Lateinischen bietet gerade das Kirchenlied manche Anknüpfungspunkte. Eine grosse Anzahl unserer Kirchenlieder der ältesten und älteren Zeit sind ja Ubersetzungen lateinischer Hymnen und Sequenzen und werden vielfach erst in ihrer ganzen Tiefe verstanden, wenn man bei der Erklärung den Urtext heranzieht. Dahin gehören die LiederKomm heilger Geist, der alles schafft(Veni creator spiritus), oder dasMein Zung klinge(Pange lingua) u. a.

Auch wird man in Tertia kaum das ergreifendeChristi Mutter stand mit Schmerzen erklären, ohne wenigstens die eine oder andere Strophe des unvergleichlich schönen lateinischen Textes heranzuziehenStabat mater dolorosa iuxta crucem lacrimosa, dum pen- debat filius. Gerade dieses Lied bietet auch Anlass hinzuweisen auf den Unterschied zwischen den klassischen Dichtungen, die man auf dieser Stufe mit Ovid beginnt, und der kirchlichen Poesie, auf den Unterschied zwischen dem Latein der Klassiker und dem sog. Kirchenlatein. Andererseits enthält dieses Lied eine solche Fülle von poetischen Schönheiten, sowohl was Inhalt, als auch was Form betrifft, dass man geradezu unwillkürlich Vergleiche anstellen muss. Wie natürlich ist es nicht hinzuweisen auf das tragische Geschick und die wehmütige Klage der Niobe, welche dem Tertianer aus der Lektüre des Ovid(Metam. VI. 146312) ganz be- kannt ist. Ein, wenn auch nur kurzer Vergleich der bis zur Erstarrung verzweifelten Mutter, die ihren frevlen UÜbermut gegen die Götter so schrecklich büsst, mit der erhabenen Schmerzens- mutter unter dem Kreuz, die ihr ebenfalls unsägliches Weh mit einer wahrhaft übermensch- lichen Ruhe und Gottergebenheit duldet, ohne auch nur zu wanken(Stabat mater), die, wie ihr göttlicher Sohn unschuldig leidet(Pro peccatis suae gentis vidit Jesum in tormentis et flagellis subditum), lässt Maria nur in schönerem, idealerem und wahrhaft verklärtem Licht erscheinen. Dass übrigens beide Gegenstände viel und dankbar benützte Motive für die Kunst sind, darf hier gewiss nicht unerwähnt bleiben.

Wenn man Zeit und Lust hat, kann man diesen Vergleich auf einzelne Stellen aus- dehnen. Wieviel Khnlichkeit haben nicht folgende Verse: