Aufsatz 
Die Behandlung des Kirchenliedes im katholischen Religionsunterricht / von J. May
Entstehung
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Auch wird der Schüler klar erkennen, dass die Kirchenlieder jenen Forderungen genügen, die an alle lyrischen Erzeugnisse zu stellen sind; sie alle nämlich zeichnen sich durch Einfachheit, Natürlichkeit und leichte Fasslichkeit des Inhaltes aus. Einfach sind sie dadurch, dass sie nicht mit den Gegenständen wechseln, sondern nur eine Grundstimmung festhalten; Natürlichkeit erhalten sie vermöge der wahren ungeschminkten Empfindungen, aus denen sie hervorgingen; leichte Verständlichkeit erlangen sie durch die in ihnen enthaltenen allgemein menschlichen Beziehungen.

Wenn so die Ergebnisse des Religions- und deutschen Unterrichtes zu einem Ganzen verarbeitet werden, wird die Kenntnis von den verschiedenen Gattungen der Lyrik in dem Schüler kräftig fortleben. Es wird dann in Obersekunda an Walther von der Vogelweide, den grossen Minnedichter, den begeisterten Sänger vaterländischer Gedichte und den Schöpfer tief empfundener Gotteslieder, mit dem nötigen Verständnis herantreten. Im besonderen aber wird er in Walthers religiösen Dichtungen Anklänge an ihm geläufige Lieder finden. Bei dem Gedichte:Mehtiger got, bist lanc und bist so breit(Ausg. von Paul 79,81), wird er an das LiedHier liegt vor deiner Majestät denken. Das Morgengebet Walthers: Mit saelden müeze ich hiute uf stén(I. c. 69; 211) wird ihn anAuf, mein' Seel', fang an zu loben erinnern. Bei dem Eingang des Leiches(Paul 94), der ein Bekenntnis des dreieinigen Gottes ist, wird ihm das LiedO unerschaffne Wesenheit, Gott ewige Dreieinigkeit in den Sinn kommen.

Gerade die Thatsache, dass in Walthers religiösen Dichtungen und den heute üblichen Kirchenliedern dieselben Geheimnisse und Wahrheiten verherrlicht werden, wird den Schüler zu einer wichtigen Erkenntnis führen. Er wird einsehen lernen, dass das Wesen der Frömmig- keit sich in dem Wandel der Zeiten und Sprachen gleichbleibt; wo das Bedürfnis der An- betung und die Ahnung des Unendlichen, wo die Sehnsucht der Kreatur nach dem Schöpfer und damit verbunden das Gefühl des Abstandes zwischen dem Ewigen und dem Endlichen in reiner Ursprünglichkeit und Wahrheit sich zeigt, da ist die Frömmigkeit ihrem wesentlichen Inhalte nach immer dieselbe, und wo wir einen solchen Ton unverfälschter Anbetung ver- nehmen, da klingt er, auch wenn Jahrhunderte oder Jahrtausende dazwischen liegen, noch heute in gleichgestimmten Herzen an. Wenn der Schüler nun Walther als einen Mann von solcher Frömmigkeit schätzt, wird er dessen Angriffe, die sich gegen die Träger der kirch- lichen Gewalt richten, anders beurteilen; er wird zu dem Schlusse kommen, dass diese einzelnen Personen, niemals aber der Sache gelten. In der That, ein wertvolles Ergebnis ¹).

Auch noch in einer anderen Hinsicht werden die Belehrungen über das Kirchenlied aufs schönste das Verständnis und die Geschichte unserer deutschen Litteratur erschliessen helfen. Wenn nämlich eine kurze Übersicht über die Geschichte des deutschen Kirchenliedes gegeben wird, erfährt der Schüler, dass das Volk in den ältesten Zeiten lediglich die Worte Kyrie eleison sang, dass aber dann in der Mitte des 9. Jahrhunderts eine Wendung eintrat;

¹)Wir dürfen nicht glauben, dass Walther erst als alternder Mann fromm geworden sei; aber nur natürlich ist es, dass, je ernster seine Stimmung überhaupt durch die Erfahrungen seines Lebens wurde, er desto mehr auch den religiösen Gedanken sich zuwandte, unter deren Einwirkung er herangewachsen war. Was ihm in der Zeit des Scheidens mit erschütternder Gewalt vor die Seele trat, das ist nicht aus der Niedergeschlagenheit des Augenblickes entsprungen, das wurzelt tief in seinem ganzen Wesen und Empfinden. Tritt es in seiner Poesie stärker hervor, als seine Tage sich neigen, so gewährt uns das noch kein Zeugnis wider die religiöse Gesinnung des Jünglings und Mannes. Walther von der Vogelweide war ein Christ im vollen und ganzen Sinne seiner Zeit. Schönbach, Walther v. d. Vogelweide, Berlin 1895 S. 192.