Aufsatz 
Die Behandlung des Kirchenliedes im katholischen Religionsunterricht / von J. May
Entstehung
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bekannten Oberrheinischen Tiefebene und ihrer Gebirgsumwallung, der es ja an Umfang, Bodengestaltung und Fruchtbarkeit so ähnlich ist. Wie natürlich ist es bei Behandlung der biblischen Geschichte selbst die Geschichte der alten Völker heranzuziehen, die auf derselben Stufe durchgenommen wird. Auch in der Liturgik lassen sich zahlreiche solcher Beziehungen herstellen, wie es ja das Lehrbuch von Kempf häufig verlangt. Schwieriger ist es, beim Katechismus Anknüpfungspunkte mit andern Fächern zu finden. Aber da leistet meines Er- achtens gerade das Kirchenlied gute Dienste.Aus den deutschen Kirchenliedern lässt sich ja eine vollständige Heilslehre zusammensetzen, welche in den einfachsten Zügen Christum als den Anfang und das Ende alles Heiles darstellt¹¹).

Schon die Behandlung des Liedes greift in den deutschen Unterricht hinüber. Denn im allgemeinen werden doch die Kirchenlieder nach denselben methodischen Regeln behandelt, wie alle poetischen Stücke des Lesebuches. Indem der Religionsunterricht sich mit dem religiösen Liede befasst, füllt er geradezu eine Lücke aus, die der Unterricht im Deutschen offen lässt. Ja schon auf der untersten Stufe wird der Lehrer des Deutschen gut daran thun, bei der Be- handlung von Gedichten, die ja meist lyrischen Charakter haben, an das religiöse Lied an- zuknüpfen ²).

In Unter- oder Obertertia aber wird eine elementare Belehrung über die ver- schiedenen Arten der Dichtungen am Platze sein, und zwar aus doppeltem Grunde. Einmal hört im allgemeinen von Untersekunda an das Lesebuch auf den Mittelpunkt der poetischen Lektüre zu bilden. Wenn man auch nach diesem noch einige grössere Gedichte Schillers behandelt, so wird man doch bald zur Lektüre von Dramen wie Herzog Ernst von Schwaben oder Tell schreiten. Mag man nun zu dem erst- oder letztgenannten Stoffe sich wenden, jedenfalls wird man sich von den Gedichten, die fünf Jahre den Gegenstand der Darbietung bildeten, nicht trennen dürfen, ohne sie in bestimmte Abteilungen eingeordnet und so Stütz- punkte geschaffen zu haben, die das so durchaus wünschenswerte Festhalten dieser Gedichte und der in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen erleichtern.

Ein weiterer Umstand, der zur elementaren Belehrung über die verschiedenen Gattungen der Poesie veranlasst, ist der, dass in Obertertia die Lektüre der Uhlandischen Gedichte im wesentlichen beendet wird. Gerade an diesen lässt sich schön das Eigentümliche der lyrischen Epik, der Ballade und Romanze, das Wesen des Märchens und der poetischen Erzühlung klar machen. Auch Lieder, welche die Natur und das Vaterland zum Gegenstand haben, finden sich bei Uhland. Nur für eine Gattung des Liedes bietet Uhland keine besonders geeigneten Bei- spiele, nämlich für das religiöse Lied. Es ist dies nicht so zu verstehen, als ob nicht vielen seiner Gedichte es sei hier für alle nur eins erwähnt,Der Waller eine tiefe Religiosität innewohne, sondern sie lassen nicht klar das Wesen des religiösen Liedes fest- stellen. Willkommen muss es darum dem Lehrer des Deutschen sein, wenn er bei den Schülern Kenntnis und Verständnis der religiösen Lieder vorfindet. Der Obertertianer kann begreifen, dass das religiöse Lied das Verhältnis der Kreatur zu ihrem Schöpfer zum Gegenstand hat. Er wird ferner verstehen, dass der Mensch Gott in der verschiedensten Weise gegenübertreten kann. Bald jubelt er im Ambrosianischen Lobgesang über Gottes Güte und Allmacht, bald betet er die unendliche Majestät seines Schöpfers an, wie in dem LiedHier liegt vor deiner Majestät und wird sich seiner Sündhaftigkeit bewusst, bald verleiht er seiner Furcht vor dem Gerichte und der Strafe Gottes Ausdruck, indem dasDies irae über seine Lippen bebt.

¹) Janssen, Geschichte des deutschen Volkes I 233. ²) Vgl. Schiller, Handbuch der prakt. Pädagogik, 2. Aufl. S. 347 u. S. 288.