Aufsatz 
Die Behandlung des Kirchenliedes im katholischen Religionsunterricht / von J. May
Entstehung
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lichen und poetischen Wert kamen in Gebrauch,dürre, durchsichtige, gereimte Predigten und darum ungereimte Lieder.

Erst lang nach den Befreiungskriegen, als das Glaubensleben neu erwachte, machte sich unter dem Einfluss der Romantiker auch auf dem Gebiete des katholischen Kirchenliedes eine Reaktion geltend. Das Bestreben der neuen Zeit geht dahin, die alten kräftigen, an den lateinischen Choral sich anlehnenden Lieder unserer Vorfahren, welche den Glaubensinhalt mit einer so unbeschreiblichen Fülle und Kraft ausdrücken, und die Seele so tief bewegen, wieder hervorzuholen. Wie auch das jetzige Mainzer Gesangbuch, welches 1865 neu erschien, an diesem Bestreben teilnimmt, geht zur Genüge aus den bereits erwähnten Liedern hervor.

Als einen kostbaren Schatz, den der tiefgläubige Sinn unserer christlichen Vor- fahren gehoben und durch die verschiedenen Fährnisse der Jahrhunderte hindurch gerettet hat, dürfen wir also unser deutsches Kirchenlied betrachten. Verdient es nicht schon von diesem Standpunkt aus die sorgsamste Pflege auch in der Schule?Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Darf man dieses wahre Dichterwort nicht vor allem zu Gunsten des deutschen Kirchenliedes anwenden? Unsere höheren Schulen namentlich sind die Pflanzstätten des Guten und Schönen. Die hervorragendsten Geisteserzeugnisse des klassischen Altertums, die edelsten Blüten aus dem grossen Garten unserer nationalen Denker und Dichter werden dort auf das sorgfältigste gehegt und gepflegt.Das deutsche Kirchen- lied, sagt W. Bäumker,hat einen nicht geringen Anteil an der Bildung unseres Volkes und ist darum des Schweisses der Edlen wert. Auch B. Kothe weist in seiner Musikge- schichte auf den grossen Einfluss hin, den das Kirchenlied auf das Volk ausübt.Die Kirche, sagt er,ist die eigentliche Kunstschule für den gemeinen Mann. An den Ausspruch Mendel- sohns in Bezug auf die französische Musik:Ein Volk, dem man fortwährend Gemeines und Niedriges bietet, muss zu Grunde gehen, knüpft Kothe die Bemerkung:Die furchtbare Wahrheit dieses Ausspruches erfüllte sich in den Jahren 187071 in wahrhaft erschreckender Weise. Auch der Zusammensturz des Deutschen Reiches am Anfang dieses Jahrhunderts hängt in den letzten Ursachen zusammen mit der Frivolität, die allgemein im Leben, wie in der Kirchenmusik Platz gegriffen hatte. Wer offenen Auges ist, wird diese Beispiele ver- mehren können. Was folgt daraus? Ich meine: Wer seine Kirche und sein Vaterland warm und eifrig liebt, wird seine ganze Kraft einsetzen, um in der Kirche einen guten edlen Volks- gesang zu erstreben, denn es giebt nichts Rührenderes und Erhabeneres, als eine mit Wärme, Inbrunst und Begeisterung singende Gemeinde ¹).

Auch im Interesse des Gesamtunterrichtes dürfte eine sorgfältige Behandlung des Kirchenliedes sein. Nach dem heutigen Unterrichtsbetriebe, der auf dem Prinzip der Kon- zentration beruht, soll ja kein Gegenstand, auch nicht der Religionsunterricht, für sich allein dastehen, sondern alle sollen in eine gewisse Beziehung zu einander gesetzt werden. Durch diese Verknüpfung mit anderen Fächern wird der Religionsunterricht an Anschaulichkeit und Interesse nur gewinnen. Die biblische Geschichte bietet mit Geschichte, Geographie und oft auch mit dem Lateinischen Anknüpfungspunkte genug. Wie nahe liegt z. B. ein Vergleich des Schauplatzes der hl. Geschichte, des hl. Landes, mit der den Schülern aus Quinta her so

¹) Denselben Gedanken spricht aus Frick-Pollack, Aus deutschen Lesebüchern IV. B. S. 675.Wohin es führt, wenn ein Volk seines Gottes und der Kirche, seiner Sprache und Lieder, seiner Geschichte und Sitte vergisst, das erlebte das deutsche Volk an der Wende dieses Jahrhunderts. Es ward unter die Füsse des Corsen Napoleon getreten. In Trübsal und Not besann es sich auf seinen Gott und seine Vergangenheit.