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polyphone Gesang, der durch kontrapunktische Behandlung der Stimmen aus Gregorianischen Gesängen gleichsam zusammengewebt ist. Mit Palästrina und Orlando di Lasso(beide † 1594) erreichte derselbe seinen künstlerischen Höhepunkt.
Neben diesem offiziellen liturgischen Gesang begegnet uns in Deutschland schon sehr frühzeitig das Kirchenlied in unserer Muttersprache. Forscher versetzen dessen Ursprung bereits in das Jahrhundert der Bekehrung der deutschen Gauen zum Christentum. Wenn wir einerseits die Vorliebe unserer Vorfahren für den Gesang beachten, und andererseits die Schwierigkeit nicht vergessen, welche der lateinische Choralgesang ihnen bot, so ist diese Annahme so unwahrscheinlich nicht. Sagt doch schon Johannes Diaconus:);„Die widerspenstigen Stimmen der Deutschen brachten nur Töne hervor, welche dem Gepolter eines von der Höhe hernieder- rollenden Lastwagens ähnlich waren.“ Wahrscheinlich werden schon die Benediktinermönche, die in Deutschland das Evangelium predigten, die ersten geistlichen Lieder in unserer Mutter- sprache gedichtet und die Neubekehrten gelehrt haben, schon um die heidnischen religiösen Lieder zu verdrängen. Sicher ist, dass bereits Otfried von Weissenburg im 9. Jahrhundert sein Reimevangelium(Krist) schrieb,„thaz wir Kriste sungun in unsara Zungun“, d. h. doch wohl nichts anderes, als in unserer deutschen Muttersprache.
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts hatte das deutsche Kirchenlied bereits eine solche Verbreitung erlangt, dass der Propst Gerhoch von Reichersberg(† 1169) schreiben konnte: „Das ganze Volk jubelt das Lob des Heilandes auch in Liedern der Volkssprache; am meisten ist dies unter den Deutschen der Fall, deren Sprache zu wohltönenden Liedern besonders geeignet ist.“ Wackernagel hat uns in seinem grossartigen Werke über das Kirchenlied, abgesehen von den Liedern der Minnesänger, 43 Liedertexte resp. religiöse Dichtungen aus dem 12. Jahrhundert mitgeteilt.
Das Aufblühen des Minnesanges im folgenden Jahrhundert zeitigte eine stattliche Anzahl tiefempfundener religiöser Poesien, die aber nur ganz vereinzelt in kirchlichen Gebrauch kamen. Aus dieser Zeit stammen einige Lieder, die teilweise noch heute in Gebrauch sind, so das schöne Wallfahrtslied„In Gotes namen varen wir²), das fromme Osterlied„Christ ist erstanden“ ³) und das innige Pfingstlied„Nu biten wir den heiligen Geist ⁴), die noch heute einen ehrenvollen Platz im Gesangbuch einnehmen und immer noch mit Liebe und Begeisterung vom gläubigen Volke gesungen werden.
Mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts treten wir in die Blütezeit des weltlichen und geistlichen Volksgesanges ein. Letzterer wurde namentlich gefördert durch die in diesem Jahrhundert immer mehr in UÜbung kommenden Weihnachts-, Oster- und Passionsspiele, die zwar meistens in lateinischer Sprache abgefasst, doch mit deutschen Liedern untermischt waren. Auch die Erweiterung der Liturgie durch verschiedene Feste, namentlich das Fron- leichnamsfest, Dreifaltigkeitsfest und verschiedene Marienfeste, zeitigte eine grosse Anzahl deutscher Kirchenlieder, meistens Übersetzungen lateinischer Hymnen, die teilweise ebenfalls noch heute in Gebrauch sind, so die beiden sacramentalischen Lieder„Lob, o Sion, deinen
Komponist der„Jüdin“, Halevy, ein Schüler Cherubinis, nennt den Gregorianischen Kirchengesang„die schönste religiöse Melodie, welche auf Erden besteht“. Oft angeführt wird auch der Ausspruch Mozarts, dass er seinen Ruhm hingeben wollte, wenn er von sich sagen därfte der Komponist der Gregorianischen Präfation zu sein. Xhnlich urteilen Ambros, Carrière, Forkel, Köstlin u. a. Vergl. Johannes Rütten, Beilage zum Programm der Oberrealschule in Bonmn 1895.
¹) Vita s. Gregorii cap. VI.
²) Mainzer Gesangb. Nr. 101(wird fortan mit M. G. citiert).
³) M. G. Nr. 85.
4) M. G. Nr. 113.


