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Richtlinien zu ziehen. Bei kaum einem andern Kapitel der fran⸗ zöſiſchen Sprache hängt für die Erwerbung einer gewiſſen Sicherheit ſo viel von dem Sprachgefühl ab, als bei dieſem. Das gilt ſelbſt für geborene Franzoſen. Auch bei ihnen iſt, abgeſehen von dem dem Schriftſteller ohne weiteres zu verſtattenden ſubjektiven Verhalten gegenüber den Ausdrucksmitteln ſeiner Sprache, kaum irgendwo ſo viel Schwanken und Unſicherheit zu bemerken, als im Gebrauche des Infinitivs. Wie viel mehr gilt das für Fremdſprachige, die in die Lage kommen, ſich des Franzöſiſchen zu mündlichem oder ſchriftlichem Gebrauche zu bedienen? Wer öfters Gelegen⸗ heit genommen hat, Beurteilungen franzöſiſch geſchriebener Abhand⸗ lungen deutſcher Verfaſſer durch franzöſiſche Kritiker zu leſen, wird ſich erinnern, daß die Ausſtellungen, ſoweit die grammatiſche Rich⸗ tigkeit in Frage kam, zum großen Teile ſich auf die Verwendung des Infinitivs bezogen.
Da iſt zuerſt die Frage zu entſcheiden, ob in einem beſtimm⸗ ten Falle der Gebrauch einer infinitiven Konſtruktion überhaupt dem Geiſte der franzöſiſchen Sprache entſprechend und angemeſſen iſt.
Dann handelt es ſich darum, abgeſehen von der durch ſtiliſtiſche Rückſichten bedingten Stellung im Satze, ob eine Präpoſition mit dem Infinitiv zu verbinden iſt, und, bejahendenfalls, welche. Wenn auch dieſer zuletzt genannte Punkt in der Mehrzahl der Fälle nicht allzu ſchwer zu entſcheiden iſt, ſo zeigen ſich doch nicht geringe Schwie⸗ rigkeiten bezüglich der Präpoſitionen de, à, pour und bezüglich des präpoſitionsloſen Infinitivs. Die Regeln der Grammatiken und Stiliſtiken— auch ausführlicher— laſſen hier oitmals im Stich. Sie erweiſen ſich in den meiſten Fällen als zu eng— naturgemäß, da ſie ja zur Leitung und Führung der Anfänger beſtimmt ſind und hier weiſe Beſchränkung notwendig iſt. Im Grunde gibt es bei der Entſcheidung von Zweifeln auf dem hier zur Sprache ſtehenden Gebiete nur eine Regel, e in Geſetz: Klarheit des Gedankens annd Deutlichkeit der Beziehung im Satze. Kommt dieſe Forderung z ihrem Rechte, ſo wird ſelbſt ein ſorgfältiger Stiliſt kein Aedenken tragen, eine Infinitivkonſtruktion anzuwenden, wo die Grammatiker mit einer Regel im Wege ſtehen. Paul Bourget konnte ſo in Cruelle Enigme(1885) unbedenklich ſchreiben:„Si tu savais, dit- elle(Thérèse de Sauve), comme je tremble g6 te déplaire? J'ai pleuré, hier au soir, toute seule, au coin de ce feu, dans cette chambre ou je t' attendais, en songeant que tu m'aimerais sans doute moins après être venue ici. Ahl tu m'en ederns de t' aimer trop et d' avoir osé ce que j' ai osé pour toi.“


