Aufsatz 
Die Weihe des Kynikers Maximus zum Bischof von Konstantinopel in ihrer Veranlassung dargestellt / von Konrad Lübeck
Entstehung
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Die kirchlichen Verhältnisse in Antiochien hatten sich seit den ersten Jahrzehnten des vierten Jahrhunderts immer schwieriger und beklagenswerter gestaltet. Im Jahre 330 war Bischof Eustathius durch die Ränke des Eusebius von Nikomedien abgesetzt und in die Ver- bannung geschickt worden ¹), und die Arianer hatten den Patriarchalstuhl dieses eifrigen Ver- fechters des Nicänums in ihren Besitz gebracht. Ein Teil der Orthodoxen war, einer Weisung ihres exilierten Hirten folgend, bei der großen Gemeinde geblieben, ein anderer Teil aber hatte sich von dieser getrennt und war unter dem Presbyter Paulinus zu einer eigenen Partei zu- sammengetreten. In treuer Anhänglichkeit an den vertriebenen Bischof nannte man sich Eustathianer. ²)

Im Jahre 360 war dann Meletius von Sebaste von der aus Arianern und Nicänern be- stehenden Gemeinde, über welche bisher nur Eusebianer geherrscht hatten, zum antiochenischen Bischofe erhoben worden. Bei seiner Wahl zwar hatte man seine dogmatischen Ansichten völlig unberücksichtigt gelassen, war aber dann nicht wenig überrascht gewesen, als er in einer vor Kaiser Konstantius gehaltenen Predigt zur orthodoxen Trinitätslehre sich bekannte. Ein solcher Frevel wurde natürlich von den Arianern sofort gerächt: Meletius wurde aus der Stadt vertrieben und Euzoius, ein Schüler des Arius, zum Bischofe bestellt. Diese Tat nun brachte eine endgültige und reinliche Scheidung in die offizielle Gemeinde. Die bisher zu ihr gehö- renden Nicäner sagten sich von ihr los und konstituierten sich, eine Vereinigung mit den Eu- stathianern stolz verschmähend, unter der BezeichnungMeletianer zu einer neuen Gemeinde. ³)

Die Synode zu Alexandrien vom Jahre 362 hatte zwar die Einigkeit zwischen den beiden orthodoxen Parteien wiederherzustellen gesucht und zu diesem Zwecke die Bischöfe Eusebius von Vercelli und Asterius von Petra nach Antiochien abgesandt. Aber die Beilegung des unseligen Schismas war vereitelt worden durch den kurzsichtigen Übereifer des Lucifer von Calaris, welcher, den synodalen Gesandten vorgreifend, den Eustathianern, die ihm wegen ihrer ständigen Sonderung von den Arianern allein der kirchlichen Gemeinschaft mit den Ni- cänern würdig erschienen, den Paulinus eigenmächtig zum Bischofe geweiht hatte.¹) Dadurch wurde die Entfremdung und Trennung zwischen den beiden Parteien natürlich nur noch tiefer. Sie mußte sich aber noch mehr befestigen, als Meletius kurz nach der Weihe des Paulinus(im Dezember 362) zu den Seinen zurückgekehrt war.)

Die gesamte Orthodoxie mußte sich nunmehr entscheiden, mit welchen von den beiden hadernden Teilen sie in Verbindung treten wollte. Dies umsomehr, als nicht nur die genannten disziplinären Gründe, sondern auch eine in Wirklichkeit allerdings nur scheinbare dogma- tische Differenz die Streitenden trennte. Die Anhänger des Paulinus nämlich vertraten in der

¹) A. Lichtenstein, Eusebius von Nikomedien(Halle 1903) S. 48 ff.

¹) Die Literatur über das antiochenische Schisma s. bei Herzog-Hauck, Protest. Realencycl. XII* 552; dazu noch F. Cavallera, Le schisme d'Antioche(Paris 1905).

³) Cavallera l. c. p. 71 93. 95 ff.

*) G. Krüger, Lucifer, Bischof von Calaris(Leipzig 1886) S. 50 f.

³) Cavallera p. 100 119. Hefele a. a. O. I4 727 ff.