21 (beſonders durch Ortsveränderung) und regelmäßige Anſpannung des Geiſtes durch leichte, anregende Beſchäftigung ſehr förderlich. In ſtufenweiſem Fortſchritt ſuche der Pädagoge die Verſtandes⸗ und Willensthätigkeit zu ſtärken, um die geſtörte Unterordnung herzuſtellen.
Die Cultur des Begehrungsvermögens, vorzüglich des freien Willens, und die Charakter⸗ bildung ſind der Endzweck der Erziehung. Leider überlaſſen noch immer manche Pädagogen, welche einzig den Fortſchritten der Zöglinge in den Wiſſenſchaften ihre Aufmerkſamkeit ſchenken, die Bildung des Charakters zu ſehr dem Zufall, trotzdem ſchon der römiſche Philoſoph Seneca bemerkt:
„Discenda virtus est, non dat natura virtutem, ars est Uonum fieri.“
Die erwähnte Anſicht des Rousseau und anderer Philoſophen, nach welcher ſich keine ange⸗ borene Neigung zum Böſen beim Menſchen findet und deshalb höchſtens eine Diätetik der Seele für die⸗ ſelbe von Nöthen iſt, hat in der Praxis die traurigſten Ergebniſſe geliefert. Die Erziehung ſoll ſogar, trotz der entgegengeſetzten Meinung bewährter Jugendlehrer, ſchon gleich nach dem erſten Jahre beginnen, indem gerade die erſten Eindrücke und Regungen nicht dem Zufall anheimgegeben werden dürfen. Allerdings ſoll in den erſten Lebensjahren die diätetiſche Behandlung vorherrſchen. Ohne überflüſſige Lehren zu verſchwenden, laſſe der Lehrer die Kinder Kinder ſein und ſorge, daß ſie brave Kinder werden. Nur ſoll er Alles zu vermeiden ſuchen, was die Naturtriebe überreizt und denſelben das Ueber⸗ gewicht über die Willenstriebe geben könnte, z. B. weichliche Erziehung und unpaſſende Unterhaltung.
Die poſitive Cultur des Willens und Charakters gründet ſich ſelbſtverſtändlich auf die pſycho⸗ logiſchen Erziehungsmittel, alſo auf das Ehr- und Pflichtgefühl des Schülers, das gute Beiſpiel, die Gewöhnung und die Lehre.
Aufgabe des Pädagogen iſt es, durch Belebung und Stärkung der angeborenen, dunklen Ideen des Rechts, nicht aber durch eine Menge trockener und nutzloſer Moralregeln den Zögling zum ſteten ſittlichen Handeln zu beſtimmen.
Es fehlt übrigens, wie die ſchnelle Reue nach einem Vergehen darthut, den Kindern mehr an der moraliſchen Kraſt und Energie, als an der Kenntniß um die Pflicht oder an gutem Willen. Der Erzieher darf ſich daher nie mit bloßen Verſprechen und Vorſätzen begnügen, mit welchen nach dem Sprichwort„der Weg zur Hölle gepflaſtert iſt.“ Geſunde Erziehung und Erweckung des Muthes und der Thatkraft bei dem Zögling ſind der Stählung und Kräftigung ſeines Willens ſehr förderlich. Die Bildung der äußeren Sitten iſt an und für ſich Nebenſache und erhält nur durch Rückwirkung auf die Geſinnung einen hohen Werth. Die Gebrechen des Begehrungsvermögens be⸗ ſtehen, außer in der übergroßen Schwäche desſelben, in der Verirrung gewiſſer Triebe oder der Störung der geiſtigen Harmonie durch einzelne, zu ſtarke Neigungen, Affecte und Leidenſchaften. Die Quellen dieſer Uebel liegen meiſtens in unordentlichen Gefühlsregungen und in der Phantaſie, ſowie in der freien Selbſtbeſtimmung des Menſchen.
Die Behandlung ſeitens des Pädagogen richtet ſich natürlich nach der Urſache des Gebrechens; der Erfolg iſt aber ſelbſt bei rationellem Verfahren ein langſamer und zweifelhafter. Verirrungen einzelner Triebe ſind am ſchwerſten zu heilen. Im Allgemeinen ſuche der Erzieher die ſinnlichen Triebe durch die höheren im Gleichgewicht zu erhalten.
Es iſt bekannt, welche Bedeutung eine gute Erziehung für das Geſammtdaſein des Menſchen hat. Gewiſſenhafte Eltern glauben ihre Pflicht gegen ihre Kinder am Beſten dadurch zu erfüllen, daß ſie alles, was in ihren Kräften ſteht, aufbieten, denſelben eine ſorgfältige Erziehung angedeihen


