Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
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2⁰.

Die Cultur des für das Wohl des Zöglings ſo ungemein bedeutungsvollen Gefühlsvermögens macht ebenfalls einen Hauptbeſtandtheil der geſammten Erziehung aus. Die Ausbildung muß je⸗ doch eine allgemeine ſein und eine harmoniſche Rangordnung der einzelnen Gefühle ſowohl unter ſich, als in Bezug auf die anderen Anlagen, anſtreben. Das gebildete Schönheitsgefühl iſt zwar von großem Werthe, indem es den Menſchen vor Rohheiten ſchützt und an Reinlichkeit und Ord⸗ nungsliebe gewöhnt, doch ſtehen die intellektuellen und moraliſchen Gefühlsregungen weit höher. Es liegt den Zöglingen die Gefahr nahe, einen Irrthum wegen der ſchönen Form, die ihn umkleidet, in ſich aufzunehmen, oder ſich durch die verlockende, liebenswürdige Hülle einer Sünde beſtechen zu laſſen. Der Lehrer ſuche durch Anleitung zur Selbſtbeherrſchung, worin ein Theil wahrer Seelen⸗ größe liegt, ſowie zu einer feſten Richtung der Gefühle auf das Hohe und Edle dieſelben bei ſeinen Schülern dem moraliſchen Willen dienſtbar zu machen.

Bei der Erziehung ſoll es die erſte Sorge des Pädagogen ſein, Alles das von den Zög⸗ lingen fern zu halten, was ihr Gefühlsvermögen entweder abſtumpft oder überreizt. Gefühlloſigkeit und Empfindelei ſind dem Menſchen gleich nachtheilig.

Die pſychologiſch geforderte poſitive Cultur der Gefühle muß die nothwendige Stufenfolge derſelben beobachten. Die zuerſt erwachenden ſinnlichen Gefühle ſollen dem Menſchen nur als Mittel zum Zweck dienen und beanſpruchen daher eine angemeſſene Leitung und nöthigenfalls Einſchränkung; eine eigentliche Entſinnlichung aber, wie manche Pädagogen ſie empfahlen, würde nur das Gegen⸗ theil von dem erzielen, was ſie bezweckt.

Die ſympathiſchen Gefühle treten bei den Kindern gewöhnlich ſchon ſtark genug auf und ſind, wenn etwa Standesvorurtheile entgegenwirken, durch Hinweis auf den gleichen Werth und die gleiche Beſtimmung aller Menſchen anzuregen. Die zuweilen ſchon von Kindern geübte Thierquëlerei hat ſich leider zu häufig als eine reichliche Quelle der Rohheit und Grauſamkeit erwieſen.

Von den höheren Gefühlen haben die moraliſchen und religiöſen in Verbindung mit dem Willen und der praktiſchen Vernunft die größte Bedeutung für das ganze Leben, weil dieſelben be⸗ ſtimmt ſind, den Menſchen ſeinem zeitlichen und ewigen Ziel entgegenzuſteuern. Aus dieſem Grunde erfordert die Pflege des Gewiſſens beim Zöglinge noch größere Aufmerkſamkeit Seitens des Lehrers, als die der intellektuellen Anlagen Ein geordneter, moraliſcher Schulunterricht, welcher in Ver⸗ bindung mit Unterweiſung in der Religion und mit gemeinſchaftlichem Gottesdienſt dem kindlichen Gemüthe eine nachhaltige Anregung bietet, hat daher trotz Rousseau ſchon in früher Jugend zu beginnen.

Die Gebrechen des Gefühlsvermögens ſind oft ſehr ſchwer bei den Schülern zu entdecken. Im Allgemeinen müſſen die Gefühle eine beſtimmte Dauer haben, indem gewohnheitsmäßige Flüchtigkeit zum Leichtſinn und zur Frivolität führt, unverhältnißmäßige Ausdehnung derſelben Regungen aber einen hinbrütenden Tiefſinn begünſtigt.

Die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit der Gefühle, welche auch zuweilen bei dem Zögling ver⸗ mißt wird, wird im Allgemeinen von der Richtigkeit der Eindrücke und von der gemeſſenen Stärke der Einbildungskraft bedingt.

Doch liegen die pſychiſchen Urſachen dieſer Gebrechen weniger in den intellectuellen Anlagen, als in den Begierden. Die Behandlung, ſoweit ſie nicht den Beiſtand eines Arztes erfordert, richtet ſich nach der Quelle des Uebels. Im Allgemeinen erweiſen ſich Abhärtung des Körpers, Zerſtreuung