Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

Mit der Entfaltung der Gedankenthätigkeit geht die der Phantaſie Hand in Hand. Die Ju⸗ gend iſt die Zeit der Ideale, deren Wichtigkeit für die Spannkraft des Geiſtes und die Veredelung des Willens nicht zu unterſchätzen iſt. Doch thut gerade bei dieſer Anlage mehr als bei allen an⸗ dern eine vorſichtige und rationelle Cultur Noth, indem Schwächung und Ueberreizung der Einbil⸗ dungskraft gleich verderblich ſind. Die Pflege derſelben muß eine individuelle, rechtzeitige, harmoniſche und ſtufenweiſe ſein. Bibliſche Geſchichte, Legenden und paſſende Märchen, Reiſebeſchreibungen, reine und ernſte Muſik, beſonders aber die Natur mit ihrem unendlichen Ideenreichthum, bieten der erſtarkenden Phantaſie eine geſunde und ausreichende Nahrung. Mittelbar hängt die Lebendigkeit und Klarheit der Einbildungskraft von dem Anſchauungsvermögen, dem Gedächtniſſe und den Ge⸗ fühlen ab und gewinnt alſo auch durch die Cultur dieſer Anlagen.

Mehr aber noch, als eine angemeſſene Uebung thut der Phantaſie eine ausreichende Diitetik Noth, indem kein Seelenvermögen leichter als dieſes durch ſeine übermäßige Energie die geiſtige Harmonie ſtört und Verwirrungen im geſammten geiſtigen Organismus hervorruft. Aus dieſem Grunde iſt der Verzärtelung des Körpers, welche die Empfänglichkeit für alle Arten äußerer Ein⸗ drücke vergrößert, möglichſt vorzubeugen. Bei aufgeregten Kindern wirke der Erzieher, außer auf Abhärtung, auch auf Selbſtüberwindung und Stärkung des Willens hin. Dieſe Mittel, verbunden mit ſteter, geregelter Beſchäftigung und Anregung der Denkkräfte, am Beſten durch abſtrakten Lehr⸗ ſtoff, reichen in der Regel zur Zügelung der Einbildungskraft aus. In ſchlimmeren Fällen muß ſich der Lehrer darauf beſchränken, das Vermögen, deſſen Energie er nicht ohne beträchtlichen Nach⸗ theil für den Zögling ſchwächen kann, auf ein edles und ſchwieriges Ziel zu richten. Es iſt Pflicht des Pädagogen, zur Verhütung und Hebung aller geiſtigen Mängel und Gebrechen ſeiner Schüler mitzuwirken. Entſpringen dieſe Uebel auch häufig aus körperlichen Fehlern, und unterliegen ſie als ſolche eher der Behandlung des Arztes, ſdo kann der Erzieher doch meiſtens zur Entdeckung der Quellen beitragen..

*Die geiſtigen Krankheiten ſind entweder Schwächen oder Verwirrungen einzelner Anlagen. Von Gebrechen des Verſtandes kommen gewohnheitsmäßiges Zerſtreutſein oder Vertieftſein, Blöd⸗ ſinn, Narrheit und Verrücktheit vor. Die pſychiſchen Urſachen dieſer Gebrechen ſind meiſtens ent⸗ weder mangelhafte, ſtörende Cultur oder Reaction der Affecte des Gemüths auf den Verſtand.

Die Heilmittel, welche die Pſychologie dem Pädagogen an die Hand gibt, ſind Verſtopfung der Quellen des Uebels durch möglichſt frühzeitiges Entgegenwirken, ſanftmüthige und geduldige Behand⸗ lung, Abſchwächung der ſchädlichen Gemüthsregungen und ſtufenweiſe, aber beharrliche Anwendung des entſprechenden, poſitiven Heilverfahrens.

Gewohnheitsmäßiges Zerſtreutſein oder Vertieftſein, eine häufige, durch mangelhaftes Fixiren ver⸗ urſachte Schwäche, erfordern nur anregende, aber ſtetige Beſchäftigung und geregelten Umgang, ver⸗ bunden mit einiger Stärkung des Willens. Bei den ſogenannten Verrückungen, bei welchen die Herſtellung der geſtörten Harmonie die Hauptſache iſt, kommt weniger die Mitwirkung des Pädagogen als die des Arztes in Betracht. Bei der Herſtellung des geſtörten geiſtigen Gleichgewichts ſuche übrigens der Erzieher, ſoweit ſeine Thätigkeit in Anſpruch genommen wird, lieber die zurückgeblie⸗ benen Anlagen zu der Höhe der überwiegendeu heranzubilden, als letztere herabzudrücken. Gelingt es ihm, den Geiſteskranken zu zerſtreuen und in eine heitere Seelenſtimmung zu verſetzen, ſo hat er dem Arzte den Weg für eine weitere, erſprießliche Einwirkung völlig geebnet.