17
rühmter, vielerfahrener Schulmänner und konnte daher um ſo weniger zahlreichen Irrthümern und Mißgriffen entgehen. Die erſte Sorge des praktiſchen Pädagogen, welcher die Forderungen der Pſychologie beachtet, betrifft den Körper des Zöglings. Das Wechſelverhältniß zwiſchen der Seele und dem Körper bedingt, wie einem jeden Beobachter einleuchten muß, daß ein geſunder Geiſt nur in einem geſunden Leibe wirken kann.
Es war daher ein ſehr grober pädagogiſcher Verſtoß, wenn man in den mittelalterlichen und nachreformatoriſchen Zeiten die Entwickelung der Seelenkräfte auf Koſten des Körpers zu heben ſuchte. Noch heute ſtehen in der Geſundheitspflege die continentalen Erziehungsanſtalten den engliſchen weit nach. Verhältnißmäßig kurze gymnaſtiſche Uebungen werden von geringem Nutzen ſein, wenn man die Schüler mit häuslichen Arbeiten überbürdet und dem Körper eine rationelle Behandlung nicht angedeihen läßt. Der Bildungsſtoff ſoll demnach im Unterricht bewältigt werden, wohingegen die freie Zeit der Zöglinge größtentheils ihrer körperlichen Erholung angehört. Auch in allen anderen Beziehungen muß der Lehrer, ſoviel an ihm iſt, für das körperliche Wohlergehen ſeiner Pfleglinge Sorge tragen. Von faſt noch größerer Bedeutung für die geiſtigen Vermögen und ihre Entwickelung iſt nach den Lehren der Pſychologie die Geſundheit und normale Thätigkeit der Sinne, von denen insbeſondere das Geſicht und das Gehör die Klarheit und Richtigkeit der wahrgenommenen Ein⸗ drücke bedingen.
Die Cultur der einzelnen Geiſtes⸗Vermögen ſeitens des Pädagogen erheiſcht im Allgemeinen die ſorgfältige Abwehr etwaiger ſtörender Einflüſſe, Anwendung der einſchläglichen, poſitiven Er⸗ ziehungsmittel und Berichtigung oder Heilung der im Laufe der Ausbildung im geiſtigen Organis⸗ mus des Zöglings auftretenden Verirrungen oder Störungen.*)
Die intellectuellen Thätigkeiten, ſowie jede geiſtige Regſamkeit überhaupt, beginnen in der Seele des Kindes, wie wir geſehen haben, mit dem Wahrnehmen und dem Auffaſſen. Gleich beim Beginne der Erziehung wird daher der einſichtige Pädagoge die Aufmerkſamkeit ſeines Zöglings anzuregen ſuchen, indem er durch anſchauliche Darſtellungen den Gegenſtand den Neigungen desſelben anpaßt und aus dem Unterricht Alles entfernt, was zerſtreuen und der geiſtigen Sammlung ent⸗ gegen wirken könnte. Die Achtſamkeit und Willensrichtung der Schüler bedingen das Fixiren oder Feſthalten des angeſchauten Objects, von dem die Richtigkeit und Klarheit des Gedankenbildes ab⸗ hängt. Die größten Hinderniſſe, mit welchen der Lehrer bei kleinen Kindern zu kämpfen hat, ſind Flatterhaftigkeit, bewußtloſes Anſtarren und unwillkührliches Fixiren. Abbildungen und gute Modelle ſind die beſten Hülfsmittel für gradweiſe Ausdehnung des Anſchauungsunterrichts.
Die erſte Anſchauung erhebt ſich unter Anleitung des Lehrers allmählig zu einer allſeitigen Betrachtung und Vergleichung der wahrgenommenen Gegenſtände. Hand in Hand mit dem An⸗ ſchauungsunterricht ſoll die Pflege des inneren Sinnes gehen. Der Lehrer verſäume nicht, die Kinder fortwährend auf das aufmerkſam zu machen, was bei gewiſſen Veranlaſſungen in ihrem Innern vorgeht.
Der Sprachunterricht, welcher frühzeitig an den Zögling herantritt, iſt von ausgezeichneter Wirkung auf ſeine reproduzirenden Geiſtesanlagen. Uin jedoch die Erinnerungskraft zu der ganzen Stärke der Entwickelung, deren ſie fähig iſt, zu bringen, muß die Stufenfolge und die Auswahl der Gedächtnißübungen zweckmäßig ſein. Die Erinnerungskraft erfordert eine frühzeitige, regelmäßige ——= Vergl.: Schütze, Pädagogik.
Vincenz Eduard Milde, Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde im Auszuge.
3*


