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Schuldigen zum Nachdenken und zur Beſſerung führen. Strafen, welche das Ehrgefühl oder ein anderes, geiſtiges Vermögen des Zöglings ſchädigen, gehören nicht in den Bereich der Schule und der Erziehung. Unverbeſſerliche Schüler oder gar gefährliche Verführer ſind unter allen Umſtänden aus der Anſtalt zu entfernen. Die zu häufige Anwendung harter Strafen oder der Entfernung unbrauchbarer Schüler gereicht übrigens dem Erzieher oder der Schule keineswegs zur Ehre. Das Geheimniß der Schulbildung beruht, wie bereits angedeutet, in der richtigen Verwendung der pſycho⸗ logiſchen Erziehungsmittel bei rationeller Behandlung des Zöglings. Die Bildungsmittel des Päda⸗ gogen ſind außer der Lehre, vor Allem die richtige Cultur gewiſſer Gefühle und Triebe, die Ge⸗ wöhnung und das Beiſpiel.
Das Wahrheitsgefühl ſoll dem Schüler als hauptſächlichſter Sporn zur Thätigkeit dienen. Zweifel und Ungewißheit quälen jeden Menſchen, Wahrheit und Fortſchritt in derſelben befriedigen. „Das Wahrheitsgefühl“, ſagt daher Joſeph Beck mit vollem Recht,„iſt das eigentliche Lebensgefühl des Menſchengeiſtes.“„Nihil est menti veritatis luce dulcius.“ lautet eine hervorragende Stelle in Cicero's Rede pro Archia poëta. Der Lehrer wirke alſo vor Allem dahin, das Wahrheitsgefühl bei ſeinen Zöglingen möglichſt zu beleben. Weil nichts ſchädlicher auf begabte Schüler wirkt, als Langeweile, ſo ſuche er ſeinen Unterricht möglichſt anziehend und anregend zu machen und in der wiſſenſchaftlichen Unterweiſung bei aller Gründlichkeit einen ſteten und lebendigen Fortgang anzu⸗ bahnen. Eine ſorgfältige Vorbereitung, welche ihm das ganze Feld zu überſchauen geſtattet, wird ihm eine ſachgemäße Verbindung und Anordnung der einzelnen Gegenſtände an die Hand geben.
Der Ton ſeiner Stimme ſei weder trocken, noch pedantiſch, ſondern verrathe ſein eigenes In⸗ tereſſe an dem Lehrſtoffe; denn nur das Herz ſpricht zum Herzen. In der viva vox des Lehrers beſteht der Vorzug der Schulbildung oder der Unterweiſung durch eine wiſſenſchaftliche Perſon vor dem Selbſtſtudium aus den ausgezeichnetſten Werken.
Zu den wichtigſten Bildungsmitteln des Erziehers gehören ferner die moraliſchen Gefühle, beſonders das Pflicht⸗ und das Ehrgeſühl. Gelingt es ihm, ſeine Zöglinge mit dem ernſten Be⸗ ſtreben zu erfüllen, alle ihre Pflichten getreulich zu verrichten, um ſich die Zufriedenheit ihrer Eltern
und der Schule zu erringen und um brave Menſchen zu werden, ſo hat er ſeine Aufgabe reichlich
zur Hälfte gelöſt. Die Anſtachelung des Ehrgeizes, wie viele frühere Pädagogen ſie in ihren Schulen duldeten, und der franzöſiſche Philoſoph Vauvenargues ſie für geſtattet erklärte, erſcheint dagegen als ein ſehr gefährliches Mittel. Pflicht⸗ und Ehrgefühl, als Ausflüſſe eines berechtigten Selbſtgefühls, wirken ruhig, ſtill und neidlos und ſchaffen Gründliches in ſteter Unverdroſſenheit,
wohingegen der Ehrgeiz, ein verzehrendes Fieber, ſich vom Neide nährt und Neid erweckt. Dieſe
Leidenſchaft, welche in den Schulen unſerer weſtlichen Nachbarn noch heute eine bedeutende Rolle ſpielt, kann zwar dadurch, daß ſie die Zöglinge zu raſtloſem, aufreibendem Wetteifer, ſich gegen⸗ ſeitig zu übertreffen, anſpornt, für den Augenblick Glänzendes leiſten und Großes vollbringen, weil
jeder Appell an die Leidenſchaften gewaltig wirkt; dieſelbe zieht aber auf die Dauer ſo üble Folgen
nach ſich, daß man ſie als Erziehungsmittel in den deutſchen Schulen fallen läßt.
Die Cultur des Pflicht⸗ und Ehrgefühls erfordert Seitens des Lehrers eine verſtändige und entgegenkommende Behandlung der Schüler, Vertrauensbeweiſe, ſowie Unterdrückung jeder Regung unberechtigten Argwohns und Vermeidung aller entehrenden Strafen; an zweiter Stelle aber eine vorſichtige Anregung, ſei es durch kurzes, gemeſſenes Lob, günſtige Cenſuren oder paſſende Be⸗


