Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
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Quelle von Schwärmerei und Empfindelei; zu große Energie des Willens macht rückſichtslos, ja grauſam und tyranniſch. Mit Rückſicht auf die. anzuſtrebende, allgemeine Ausbildung aller Geiſtes⸗ anlagen fordert die Pſychologie auch vorerſt eine allgemeine, nicht aber eine Facherziehung für einen beſtimmten Beruf. Sogar die Mittheilung der für das Leben unentbehrlichen, wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe nimmt im Vergleich zu der beabſichtigten Anregung der Seelenkräfte, unabhängig von dem verwandten Bildungsſtoff, nur eine untergeordnete Stellung ein. Nie und nimmer ſoll der pädagogiſche Zweck vor dem didactiſchen zurücktreten.

Im Großen und Ganzen bietet jeder menſchliche Geiſt dem Erzieher dieſelbe Grundbeſchaffen⸗ heit dar. Ohne eine ſolche Einheit würde eine geregelte, beſonders auch eine gemeinſchaftliche Er⸗ ziehung vollkommen unmöglich ſein. Der Pädagoge hat bei allen ſeinen Schülern ein geſundes Durchſchnittsmaß von geiſtiger Begabung vorauszuſetzen. Indeſſen würde es der größte Fehler ſein, die Zöglinge, von denen nicht zwei in ihren geiſtigen Anlagen ſich auch nur annähernd gleichen, alle auf dieſelbe Weiſe behandeln zu wollen. Die Grundvermögen, deren Bild wir im Anfang ent⸗ rollt haben, zeigen ſich(vorzugsweiſe in Folge des Einfluſſes der Phantaſie und der Temperamente) in der Wirklichkeit bei den verſchiedenen Perſonen in ſo mannigfacher Zuſammenſetzung und Ab⸗ ſtufung, daß die möglichſt individuelle Behandlung eines Jeden, ſoweit ſie mit dem Wohle der an⸗ deren Schüler verträglich erſcheint, die erſte Forderung an den gewiſſenhaften Erzieher iſt. Die unumgänglich nöthige, eigenthümliche Heranbildung des einzelnen Schülers erfordert lange und ein⸗ gehende Beobachtung ſeines geiſtigen Organismus und Anfangs vorſichtiges Vorgehen. Es wäre traurig, einen zur Melancholie neigenden Zögling gleich einem Sanguiniker behandeln zu wollen. Nur der wahre Pſychologe wird wahrer Pädagoge ſein.

Ebenſo ſorgſam wie die Individualität ſeiner Schüler ſoll der Lehrer die Altersſtufen derſelben beachten. Abſicht einer vernünftigen Pädagogik kann es nur ſein, die der jeweiligen Entwickelung und Geiſtesreife entſprechende Ausbildung zu erzielen. Die ſogenannte Frühreife der Kinder, welche gewöhnlich den Stolz kurzſichtiger und alberner Eltern ausmacht, iſt eine auf dem Gebiete des geiſtigen Lebens ſehr verderbliche Erſcheinung, indem Natürlichkeit hier wie anderswo das Criterium wahrer Geſundheit ausmacht. Blumen gleich, deren Knospen vor der Zeit ihrer Entfaltung abſicht⸗ lich geöffnet werden, ſiechen Kinder, die vor dem ſechſten Lebensjahre allerlei Wiſſenswerthes ſich ein⸗ prägen mußten, bald dahin. Jede geiſtige Beanlagung ſoll zur Zeit ihrer hauptſächlichen Thätig⸗ keit am Meiſten geübt werden, das Gedächtniß demnach in den Knabenjahren, der Verſtand im Jünglingsalter.

Ebenſo wie die Ausbildung ſoll ſich auch die Behandlung der Altersſtufe anpaſſen. Es wäre ſehr verfehlt, Knaben wie Jünglinge zu erziehen; daher befolge der Knabe den Befehl des Lehrers, der Jüngling ſeinen Rath. Alles, was den Zögling über ſeine Jahre erhebt, alſo unzeitige Ge⸗ nüſſe, Beſuch der Kinderbälle, der Wirthshäuſer und Schauſpiele, muß durch die Umſicht des Er⸗ ziehers oder die Geſetze der Schule möglichſt verhütet werden.

An die Beobachtung der Altersſtufen ſchließt ſich die Erziehung nach dem Geſchlecht. Knaben und Mädchen haben verſchiedenartige Anlagen und eine verſchiedenartige Beſtimmung im Leben; dem Knaben winkt ein thätiges Daſein im Ringen und Kämpfen mit dem oft widrigen Geſchick, dem Mädchen iſt die ſtille Häuslichkeit beſchieden; den Knaben zieren Muth und Entſchloſſ aicheit⸗ das Mädchen ſittſame Beſcheidenheit.