Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
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Unſterblichkeit der Seele vorausſetzt, bezweckt der Pädagogik die harmoniſche Ausbildung aller An⸗ lagen des Zöglings, alſo der des Verſtandes durch angemeſſenen Unterricht, und der des Gemüths durch entſprechende Erziehung, um ihn ſtets mehr zu vervollkommnen und ihn zur Erfüllung ſeiner zeitlichen und ewigen Beſtimmung anzuleiten.

An den Lehrer der Jugend, welcher auf Grund der geiſtigen Anlagen ſeines Zöglings dieſen einem ſo erhabenen Ziele entgegenführen ſoll, muß die Seelenlehre gewiſſe Anforderungen ſtellen, ohne die ihm keine heilſame Wirkſamkeit bei der Ausübung ſeines Amtes ermöglicht iſt. Vor Allem ſoll derſelbe mit den Reſultaten der Pſychologie völlig vertraut ſein; denn wie könnte er die Seele ſeines Schülers bilden, deren Beſchaffenheit er nicht kennt? Er ſoll aber auch hinlängliche Menſchen⸗ kenntniß beſitzen, um mit Hülfe ſeiner Jugenderinnerungen und der Erfahrungen, welche ihm ſein Inneres bietet, die Kinder und ihre Neigungen richtig beurtheilen zu können. Beſonders dürfen frühzeitige Regungen der Verſtandsthätigkeiten, wie ſie bei lebhaften Kindern ſich zu zeigen pflegen, ihn nicht zu ſchnell zu Gunſten derſelben beſtechen, noch auch einzelne Fehler ihn mit unbegründeten Vorurtheilen erfüllen.

Der Lehrer ſoll ſeine Schüler bilden und erziehen. Er muß demnach ſowohl ein wiſſenſchaft⸗ licher und kenntnißreicher, als auch ein moraliſcher Mann von ſtrengen Sitten und untadelhaftem Leben ſein. Da der Schwache ſich nur dem Starken beugt, ſo ſoll er ferner hinlängliche Energie beſitzen, um den Willen des Zöglings beeinfluſſen und lenken zu können. Der gewiſſenhafte Erzieher lebt einem dornenreichen Berufe, welcher ihm alle Tage neue Hinderniſſe und Schwierig⸗ keiten bietet: Er ſoll alſo mit aller Willensſtärke und Entſchiedenheit auch die unerläßliche Geduld paaren und Sanftmuth und Nachſicht üben können.

Die ſchönſte Zierde eines wahren Pädagogen aber iſt jene Berufstreue, welche alle ſeiner Leitung anvertrauten Seelen als Ebenbilder Gottes mit Liebe umfaßt und durch ſtete Pflichterfüllung und unabläſſiiges Streben ſich die Zuneigung und das Vertrauen ſeiner Zöglinge erwirbt, das nur aus ächter Hingebung ſproßt.

Deer Erzieher, der dieſe Bedingungen erfüllt, wird einſehen, daß es ſeine heilige Pflicht iſt,

nach den Grundſätzen der Pädagogik, welche ihm nicht als ein wüſtes Gemiſch althergebrachter Regeln, ſondern als eine organiſche, auf dem Weſen der menſchlichen Seele aufgebaute Wiſſenſchaft erſcheint, ſeine Thätigkeit zu regeln.

C. Bſychologiſche Grundregeln der Erziehung.

Der Menſchengeiſt iſt, wie wir geſehen haben, eine lebendige Einheit und Harmonie mit feſten, ganz beſtimmten Vermögen, von denen keines unterdrückt, noch übermäßig angeſpannt werden kann, ohne das Ganze zu zerütten.

Die pädagogiſche Wirkſamkeit des Lehrers hat ſich demnach auf die Ausbildung aller Seelen⸗ kräfte ohne Ausnahme, der intellectuellen ſowohl, als der des Gemüths, zu erſtrecken. Manche Er⸗ zieher haben mit Vernachläſſigung der Gefühle und Begierden der Pflege der Verſtandfähigkeiten ihre vorzüglichſte Aufmerkſamkeit gewidmet, ohne zu bedenken, daß Verſtandes⸗ und Herzensbildung ſich gegenſeitig bedingen. Ueberreizung oder Verwahrloſung gewiſſer Anlagen in Folge unver⸗ nünftiger Anſtrengung oder Arbeitserleichterung machen ſich für gewöhnlich in der geſammten, ſpäteren Erziehung, ja ſogar im Leben noch fühlbar. Ueberwiegen des Verſtandes macht den Menſchen kalt und hart; vorherrſchendes Gefühlsleben ohne entſprechendes Gegengewicht im Denken iſt eine reiche