Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
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ſchen iſt in ihrem Verlauf, gleich dem Schifflein auf brandender See, ungemein vielen Gefahren ausgeſetzt; mannigfach ſind die Klippen, die den Erfolg der Erziehung bedrohen. Die Seele des aufwachſenden Kindes iſt in den erſten Lebensjahren ebenſo zart, wie ſein Körper, ſo daß es großer Vorſicht bedarf, ſchädliche Einwirkungen abzuwehren, deren ſelbſt verhältnißmäßig ſchwache ausreichen würden, die geiſtige Harmonie, das größte Gut des Menſchen, auf immer zu zerſtören. Es iſt eine bekannte Thatſache, daß gerade die erſten Eindrücke auf den jugendlichen Geiſt am Feſteſten haften und ſehr oft die Richtung des ganzen Lebens beſtimmen. Andererſeits verkümmern noch immer, ſelbſt in Europa, aus Mangel an geregelter Ausbildung viele glücklich angelegte und herr⸗ lich begabte Kinder. Eine jede Kraft, welche einer angemeſſenen Uebung entbehrt, verſiegt und verfällt; eine jede, die gepflegt und geübt wird, erſtarkt und erhält ſich. Es hat zwar, wie nicht mit Unrecht bemerkt worden iſt, das geſammte Leben in ſeinen mannigfachen, wechſelnden Be⸗ ziehungen, welche an den Einzelnen herantreten, eine gewiſſe bildende Kraft. Indeſſen iſt der Ein⸗ fluß der Außenwelt ſehr ſchwankender und unſicherer Natur; zuweilen übermäßig ſtark und zer⸗ rüttend, wirkt er in den meiſten Fällen zu ſchwach.

Das Kind, welches verwahrloſt in der Abgeſchiedenheit ländlicher Einſamkeit aufwächſt, wird ſelbſt bei vortrefflichen Anlagen in Folge der mangelnden, geiſtigen Nahrung verkümmern, und ſtatt eines denkenden Mitgliedes der bürgerlichen Geſellſchaft ein mechaniſcher Arbeiter werden. Eine geregelte Erziehung durch einen mit den geiſtigen Bedürfniſſen des Kindes vertrauten Pädagogen wird ihm alſo nothwendig die Anregung und Anleitung bieten müſſen, welche Haus und Leben ihm aus manchen Gründen verſagen. Ein kenntnißreicher Erzieher wird aber auch viel leichter ſchäd⸗ liche Einflüſſe zu erkennen und abzuwehren vermögen, als die ſonſtige, zufällige Umgebung des Zöglings. Der Schulzwang iſt nicht, wie Thoren oder Feinde des Wahren und Guten behauptet haben und noch behaupten, eine Tyrannei, ſondern ein Segen für das menſchliche Geſchlecht. Deutſchland,das Land der Denker, iſt zugleich das Land der Schulen.

B. Das Ziel der Erziehung.

Die Geſetze der Seelenlehre beſtimmen das Ziel der Erziehung, welches ſelbſtverſtändlich, wie das Weſen der menſchlichen Natur, für alle Zöglinge daſſelbe iſt, wenn auch bei den verſchiedenen Berufsarten der Menſchen die Wege ſehr mannigfach ſein mögen. Das Ziel der Wirkſamkeit des Erziehers richtet ſich natürlich nach der Beſtimmung des Menſchen; die Annahme oder Läugnung der Un⸗ ſterblichkeit unſerer Seele mußte daher Anlaß zu grundverſchiedenen pädagogiſchen Syſtemen geben. Das ſogenannte humaniſtiſche Syſtem, welches den letzteren Standpunkt einhält, kann höchſtens die Erhebung des Individuums zur Menſchenwürde oder zum Weltbürgerthum bezwecken.

In den meiſten Fällen beſchränken ſich die Vertreter dieſer Richtung, wie auch die Anhänger des ſogenannten egoiſtiſchen und materialiſtiſchen Erziehungsprincips, auf Ertheilung von Klugheits⸗ und Anſtandsregeln, oder geben ihren Zöglingen den allerdings practiſchen Rath, ſich eingehende Kennt⸗ niſſe zu erwerben, um in der Welt glücklich fortkommen und eine angeſehene Stellung Linzebiien zu können.

Verhaltungsmaßregeln und das Gefühl der Menſchenwürde mögen vielleicht in gewöhnlichen Lebenslagen ausreichen, können jedoch zu Zeiten ſchweren Mißgeſchicks nur geringen Troſt gewähren. Es bedarf keines Beweiſes, daß mit der Läugnung der Unſterblichkeit der Menſchenſeele eine eigent⸗ liche Erziehung unvereinbar iſt. Nach der Auffaſſung des denkenden Pädagogen aber, welcher die