Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6 Beanlagnng des Menſchen geltend gemacht. Nach einigen Philoſophen iſt der Menſch von Jugend an böſe, nach anderen, z. B. Rouſſeau, völlig gut, nach noch anderen, z. B. dem Engländer Locke, gleicht er einem unbeſchriebenen Blatt und iſt alſo durchaus indifferent. Es bedarf keines Be⸗ weiſes, daß die jeweilige Anſicht des Pſychologen über dieſen Punkt für die Beurtheilung des ganzen menſchlichen Seelenlebens maßgebend ſein muß.

Die eigentliche Thätigkeit des Willens, wie die der Vernunft, d. h. der richtigen, ſiceren Schlußfolgerung, gehört jedoch nicht dem Knabenalter, ſondern dem Jünglings⸗ und Mannesalter an. Die Höhe der menſchlichen Ausbildung kennzeichnet ſich durch Unterordnung des Willens unter die Vernunft. An und für ſich der Ausdruck des Denkens und des Fühlens, beherrſcht der Wille durch ſeine bedeutende Energie jene Vermögen oft völlig, beſonders wenn er als Gewohnheit ſich der Hülfe des Gedächtniſſes bedient. Der Menſch lebt oft nicht wie er denkt, ſondern denkt, wie er lebt.

Das Verhältniß des Willens zum Inhalt des geiſtigen Lebens pflegt man nach altem Gebrauch als Temperament zu bezeichnen. Die Beobachtung des Ariſtoteles, welcher vier Temperamente, ein choleriſches, ein ſanguiniſches, ein melancholiſches und ein ein phlegmatiſches nämlich, unterſchied, ſteht noch unübertroffen da, wenngleich wohl nie eines derſelben ſich unvermiſcht bei einem Menſchen vor⸗ findet. Die Temperamente, im Verein mit der Stärke der Phantaſie, bedingen die ungemeine Ver⸗ ſchiedenheit unter den Menſchen, alſo die Individualität. Im Laufe der Jahre entwickeln ſich mit Hülfe der äußeren Eindrücke und der aufgenommenen Grundſätze die geſammten, geiſtigen Anlagen unter dem Einfluſſe des freien Willens zu einer feſten und ſicheren, die Handlungen beſtimmenden und in denſelben ausgeprägten Norm, welche man Character nennt. Die Bildung eines edlen und ehrenfeſten Characters ſoll demnach der Schlußſtein der geiſtigen Entwickelung ſein, denn ein ſolcher iſt das größte Gut für jeden Menſchen, in den Zeiten des Mißgeſchickes oſt der einzige Rettungs⸗ anker, jedenfalls die umumgängliche Bedingung eines wohlthätigen und ſegensreichen Wirkens in der Welt.

Der unermeßliche Werth der menſchlichen Seele braucht nach dieſer Darlegung nicht weiter hervorgehoben zu werden. In klaren Zügen tritt uns in dem aufſtrebenden Geiſte das Ebenbild Gottes entgegen. Die ſelbſtbewußte, freie, menſchliche Seele, von deren eigentlichem Weſen uns die Erfahrungsſeelenlehre allerdings nichts ſagt, die aber mit einem gewiſſen Maße göttlicher Schöpfer⸗ kraft ausgerüſtet und befähigt iſt, das Schöne, Wahre und Gute zu erkennen und durch Befolgung des im Innern aufgeſchriebenen Geſetzes ſich ſtets mehr zu vervollkommnen, kann nicht der materiellen Sphäre angehören und der Verweſung unterworfen ſein.

Der Menſch hat demnach eine zweifache Heimath, eine irdiſche und eine jenſeitige, daher eine doppelte Beſtimmung mit verſchiedenen Aufgaben und Verpflichtungen, d deren er ſich mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit entledigen ſoll.

Leider aber erreichen nicht alle Menſchen ihr irdiſches Ziel; nicht alle, wie die tagtägliche Er⸗ fahrung lehrt, gelangen zu der vollſtändigen Entwickelung der geiſtigen Kräfte, wie ſie die oben ge⸗ gebene Darſtellung der menſchlichen Seele in ihren mannigfachen, wundervollen Vermögen und An⸗ lagen erwarten ließe. Nicht nur einzelne Individuen, ſondern auch ganze Völker, anſtatt das gött⸗ liche Ebenbild, das der menſchlichen Seele bei der Geburt aufgedrückt iſt, an ſich durch ſteten Fortſchritt immer mehr auszuprägen, ſanken im Laufe der Jahre zu einem ſo thieriſchen Daſein herab, daß ſie zu lächerlichen Hypotheſen Anlaß geben konnten. Die geiſtige Ausbildung des Men⸗