Aufsatz 
Berührungs-Punkte zwischen Psychologie und Pädagogik
Entstehung
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Der Erzieher iſt der Künſtler, bemerkt Lindner,welcher einen edlen Stoff den Geiſt des Zöglings zu formen hat zu der edelſten Form, der Form eines ſittlichen, für die Zwecke des Lebens herangebildeten Menſchen. Die Regeln dieſer Kunſt ſind bloß in der Pſychologie zu leſen; denn ohne Kenntniß der Pſychologie wird man vergebens verſuchen, auf den Geiſt des Men⸗ ſchen plangemäß und kunſtgerecht einzuwirken. Die größten pädagogiſchen Sünden entſprangen aus pſychologiſcher Unwiſſenheit.

A. Die Seele als Object der Erziehung.

Die Pſychologie bietet der Pädagogik das Object in der menſchlichen Seele dar. Das Kind wird hülflos, ohne Bewußtſein, ſcheinbar ohne geiſtige Anlagen und nur mit einigen wenigen thie⸗ riſchen Inſtincten ausgerüſtet, geboren. Doch aus dieſem unſcheinbaren ſchlummernden Keim ent⸗ wickelt ſich, wie ein gewaltiger Baum aus winzigem Samenkorne, der bei aller ſeiner Beſchränktheit wunderbar begabte Menſch. In dem Maße, wie der zarte und gebrechliche Körper allmälig an Kraft und Feſtigkeit gewinnt und ſich zu ſchöner Form ausbildet, entfalten ſich die Anfangs unthätigen und ver⸗ borgenen geiſtigen Anlagen, indem ſie an den Eindrücken der Außenwelt ſich üben und ſich ſtählen. Die einzelnen Vermögen entwickeln ſich, dem Weſen des Geiſtes gemäß, im Laufe einiger Jahre zu einem harmoniſchen Ganzen, in welchem jede beſondere Anlage ihre naturgemäße Stellung einnehmen ſoll.

Von Anfang an treten in dem jugendlichen Geiſt, zuerſt nur dunkel, dann in immer ſchärferen Zügen, drei Hauptvermögen, nämlich ein Erkenntniß⸗, ein Gefühls⸗ und ein Begehrungsvermögen hervor. Gemäß der zweifachen Natur des Menſchen, der thieriſchen und der höheren, laſſen ſich in jeder dieſer Grundanlagen eine ſinnliche und eine geiſtige Sphäre deutlich unterſcheiden. Die erſten Aeußerungen der menſchlichen Thätigkeit ſind überall rein ſinnlicher Natur und können ſich erſt nach und nach zu geiſtiger Auffaſſung erheben. Die Anregung zur Thätigkeit der Seele geht ſtets von der Außenwelt aus und findet durch das Medium des Körpers und der Sinne ſtatt.

Das erſte Jahr des Menſchenlebens ſcheint ausſchließlich für das Wachsthum des Körpers be⸗ ſtimmt zu ſein. Mit dem Beginne des zweiten Jahres tritt der Körper und mit ihm die Allein⸗ herrſchaft der Inſtincte ein wenig zurück, und die ſelbſtbewußte Thätigkeit nimmt ihren Anfang. Das kindliche Alter, welches ſich meiſtens bis zum achten Lebensjahre erſtreckt, iſt vorzugsweiſe die Sphäre des ſinnlichen Wahrnehmungsvermögens und der erwachenden Erinnerungskraft(nach ihren verſchiedenen Vermögen Beſinnungskraft, Ideenaſſociation und reproduzirende Einbildungskraft, nach ihren Objecten aber Wort⸗, Sach⸗, Zahlen⸗, Orts⸗, Perſonengedächtniß). Die hervorragende Thätig⸗ keit des Gedächtniſſes im erſten Alter iſt eine weiſe Einrichtung der Vorſehung, indem dasſelbe, dem aſſimilirenden Magen nicht ungleich, dem Geiſte den nöthigen Vorrath von Anſchauungen und Bil⸗ dern bietet, welche den Thätigkeiten des Denkvermögens ihre Nahrung liefern. Ein glückliches Ge⸗ dächtniß iſt von unſchätzbarem Werthe für alle Geiſtesfunctionen; ein lateiniſcher Spruch beſagt da⸗ her mit Recht: Tantum scimus, quantum memoria tenemus.

Die Wahrnehmung und die Erinnerung ermöglichen die Sprache, welche in der That der Ausbildung dieſer Vermögen auf dem Fuße folgt. Geiſtes⸗ und Sprachbildung gehen beim Kinde Hand in Hand, indem der klare ſprachliche Ausdruck auf die Klarheit der betreffenden Vorſtellung ſelbſt zurückwirkt. Mit der Erwerbung des Sprachvermögens ſchreitet die Erſtarkung und Ausdeh⸗ nung aller anderen geiſtigen Fähigkeiten raſch fort, jedoch in einem harmoniſchen Verhältniſſe, ſo daß