Aufsatz 
Die Regierungsschulen in den deutschen Schutzgebieten
Entstehung
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diese Weise gewinnen auch die Eingeborenen unwillkürlich Interesse am Deutschtum über- haupt, und um so mehr noch, als die Kinder ganz genau zu Hause berichten, was in der Schule vorgekommen ist. Die Eltern, Geschwister, Verwandten und Bekannten lauschen gern den Erzählungen der Kleinen, werden so mit deutscher Art und deutschem Wesen bekannt und fangen nach und nach an, dafür Interesse zu gewinnen. Dies wirkt einerseits auf ihre eigenen Sitten günstig ein, wenn auch vielleicht nur in einem geringen Masse, andernteils wird durch die enge Verbindung zwischen Schule und Haus das Band zwischen dem Mutter- land und seinen Kolonien enger geknüpft.

In Ostafrika verhielten sich die Eingeborenen im Anfang den Regierungsschulen gegenüber sehr zurückhaltend, wenn nicht feindlich, und vermieden in weitaus überwiegender Anzahl ihre Kinder dem deutschen Lehrer anzuvertrauen. Sie glaubten nämlich, ohne den geringsten Grund dafür zu haben, dass die Regierungsschule als christliche Unterrichtsanstalt die Absicht habe, den Islam zu verdrängen. In dieser Ansicht wurden sie besonders von den eingeborenen mahomedanischen Lehrern, den Mwalims, unterstützt. Diese meist aus den untersten Schichten der Bevölkerung hervorgegangenen Koranlehrer, die neben ihrem Berufe oft noch das ehrsame Schneiderhandwerk betreiben, fürchteten hauptsächlich aus pekuniären Gründen die gefährliche Konkurrenz der Regierungsschule und schoben ihr deshalb eine Tendenz unter, die nie bei ihr vorhanden war. Aber die frommen Moslemin glaubten ihren einflussreichen Religionslehrern und vertrauten daher ihre Kinder einem Christen nicht an.* In letzterer Zeit hat sich jedochdie UÜberzeugung von dem hohen Werte der in der deutschen Schule erworbenen Kenntnisse bei den Eingeborenen Bahn gebrochen und scheint den ver- derblichen Einfluss der Araber, der sich auch auf anderen Gebieten unserer Kolonisations- thätigkeit unangenehm fühlbar machte, brach zu legen. Die Waswahili pflegen jetzt sogar am Freitag, dem arabischen Sonntag, die Regierungsschule zu besuchen und den christlichen Sonntag als solchen zu feiern.**

Dieser Umschwung in der Haltung der eingeborenen ostafrikanischen Bevölkerung zeigte sich vor allem in Tanga. Der Schulbesuch war hier wie an den beiden anderen Re- gierungsschulen Deutsch-Ostafrikas meistens sehr unregelmässig, wodurch natürlich die Unter- richtserfolge sehr beeinträchtigt wurden. So besuchten z. B. im Jahre 1896/97 von den 95 Schülern durchschnittlich nur 37 den Unterricht regelmässig. Die Gründe dieses UÜbel- standes waren abgesehen von der soeben geschilderten Haltung der Waswahili und der grossen Trägheit der Neger überhaupt vornehmlich in dem Umstande zu suchen, dass die Eltern ihre Kinder öfters in ihrem Geschäfte und in der Haushaltung verwendeten oder sie sogar auf ihre Handelsreisen mitnahmen. Leider waren auch manche Kinder, die von ihren An- gehörigen nichts zum Lebensunterhalte bekamen, gezwungen, von Zeit zu Zeit die Schule zu versäumen, um sich durch Fischfang, Kanoefahren oder Arbeiten in den Plantagen einiges Geld zu verdienen, womit sie sich ihr tägliches Brot und ihren geringen Bedarf an Kleidungs- stücken kaufen konnten. Am regelmässigsten wurde noch die Schule von den Söhnen der Wohlhabenderen besucht, die für ihre Kinder selbst sorgen konnten und sie nicht in ihren Berufsgeschäften zu verwenden brauchten. Infolge des unregelmässigen Schulbesuchs konnte daher die Tangaer Schule trotz aller Anstrengungen ihrer tüchtigen Lehrer zu keiner rechten, gedeihlichen Entwickelung gelangen. Dieser unliebsame Zustand sollte sich mit einem Schlage ändern. Die von Regierungslehrer Blank im Hinterlande von Tanga errichteten Filial- schulen, auf die wir weiter unten zu sprechen kommen, hatten nämlich sehr bald mit ihren verhältnismässig vorzüglichen Leistungen die Mutteranstalt selbst überholt,sodass nun die Bewohner der Stadt Tanga, wie wir einem Berichte wörtlich entnehmen,auf diesen Unter- schied und das Beschämende dieses grossen Gegensatzes aufmerksam gemacht werden konnten. Dieser Erkenntnis konnten sich die Angesehenen und Einflussreichen unter den hiesigen Ein-

geborenen nicht verschliessen das siebenjährige Bestehen der hiesigen Schule hatte in- zwischen auch Klarheit über ihre Zwecke und Ziele(vor allem keine Religionsstörung!) ge- schaffen, und so kam der obenerwähnte Schulerlass zu stande, der den obligatorischen

Schulbesuch anordnete und der Anstalt auf einmal 263 neue Schüler aus der Stadt zuführte.

* Vgl. die Berichte Barth's im Deutschen Kolonialblatt und in der Deutschen Kolonialzeitung sowie den Aufsatz Dr. Baumann's über die Ostafrikanischen Schulen in der Deutschen Kolonialzeitung 1894. Nr. 4. *r Vgl. Zur Guten Stunde 1897, Nr. 19.